Wenn Mädchen Lernen und Leistungen nicht mehr so wichtig finden – und Jungen noch weniger

04.10.2017, 11:17 | Wissenschaft | Autor: | Jetzt kommentieren


Bei allen Schülerinnen und Schülern nimmt von der 5. bis zur 9. Klasse das Interesse daran ab, die eigenen Fähigkeiten zu erweitern. Gleiches gilt für das Bestreben, gute Leistungen zu zeigen und schlechte zu verbergen. Die Rückgänge fallen aber bei Jungen stärker aus als bei Mädchen. Das geht aus einer in der Fachzeitschrift „Learning and Individual Differences“ veröffentlichten Studie von Forscherinnen des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) und der Universität Kassel hervor.

„Wir wollen dazu beitragen, die Entwicklung der schulischen Lern- und Leistungsmotivation von Mädchen und Jungen besser zu verstehen“, erläutert Désirée Theis vom DIPF die Zielsetzung der Studie, die sie gemeinsam mit Professorin Dr. Natalie Fischer von der Universität Kassel durchgeführt hat. Dabei gingen die Wissenschaftlerinnen der Frage nach, wie stark Schülerinnen und Schüler von der 5. bis zur 9. Klasse beim Lernen bestimmte Ziele verfolgen. Diese sogenannten motivationalen Zielorientierungen lassen sich nach zwei Kategorien unterscheiden: In der Lernzielorientierung drückt sich aus, welches Interesse die Kinder und Jugendlichen daran haben, die eigenen Kompetenzen und das eigene Wissen auszubauen. Diese Haltung fördert besonders nachhaltiges Lernen. Bei der Leistungszielorientierung geht es darum, im Vergleich zu Mitschülerinnen und Mitschülern gute Leistungen zu zeigen beziehungsweise nicht durch schlechte Leistungen aufzufallen. Bislang war wenig über die Entwicklung der Zielorientierungen in der mittleren Schulphase und dabei auftretende Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen bekannt. In diese Lücke stößt die nun publizierte Studie.

Die Untersuchung erfolgte von 2005 bis 2009 im Zuge der langfristig angelegten und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie dem europäischen Sozialfonds geförderten Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen. Zum Einsatz kamen normierte Fragebögen zur Lern- und Leistungsmotivation, die insgesamt 6 853 Schülerinnen und Schüler zunächst in der 5., dann in der 7. und schließlich in der 9. Klasse ausfüllten. Für die jetzt abgeschlossenen Auswertungen verwendeten die Forscherinnen latente Wachstumskurvenmodelle und latente Differenzwertmodelle – statistische Verfahren, mit denen sich Veränderungen von psychologischen Merkmalen in längeren Zeitverläufen analysieren lassen.

Die Ergebnisse zeigen zum einen, dass die Zielorientierungen in dieser Phase bei allen Schülerinnen und Schülern signifikant an Bedeutung verlieren. Zum anderen gibt es markante Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen. So weisen Mädchen bereits in der 5. Klasse eine höhere Lernzielorientierung auf, die bei den Jungen in den folgenden Jahren zudem deutlich stärker abnimmt. Die Leistungszielorientierung bewegt sich bei beiden zunächst auf einem ähnlichen Niveau und nimmt bis zur 7. Klasse auch vergleichbar ab. Dann stabilisieren sich die Werte aber bei den Mädchen, während die Neigung der Jungen, gute Leistungen zu zeigen und schlechte zu verbergen, bis zur 9. Klasse weiter zurückgeht. Désirée Theis fasst zusammen: „Nach unseren Befunden verlieren Lernen und Leistungen im Verlauf der mittleren Schulphase für Jungen stärker an Bedeutung.“

Als einen möglichen Grund führt sie an, dass die Lernumgebungen nicht gut genug auf die Bedürfnisse der Jungen zugeschnitten sein könnten. So zeigen weitere Ergebnisse der Studie, dass für Jungen Partizipation und Autonomieerleben in der Schule wichtiger zu sein scheinen als für Mädchen. „Mädchen scheinen sich nach der 7. Klasse soweit an die Bedingungen auf der weiterführenden Schule gewöhnt zu haben, dass der Wunsch, gegenüber Lehrkräften, Eltern und Gleichaltrigen durch gute Leistungen aufzufallen, wieder mehr in den Vordergrund rückt“, so Theis. Sie weist darauf hin, dass die Ergebnisse helfen können, das bessere Abschneiden von Mädchen in dieser Schulphase zu erklären. So haben bereits mehrere Studien einen hohen Zusammenhang zwischen der Lernzielorientierung und guten Schulleistungen belegt. Für konkretere Schlussfolgerungen braucht es aber weitere Untersuchungen, zum Beispiel unterteilt nach den Zielorientierungen in unterschiedlichen fachlichen Bereichen wie Lesen und Mathematik. Wichtig wäre es dann, den Zusammenhang mit Merkmalen der Unterrichtsgestaltung in den Blick zu nehmen, um herauszufinden, wie Jungen und Mädchen langfristig motiviert werden können.

Originalpublikation:
Theis, D. & Fischer, N. (2017). Sex differences in the development of achievement goals in middle school. Learning and Individual Differences,(57), 170-177. DOI: http://dx.doi.org/10.1016/j.lindif.2017.05.006

Kontakt:
Studie: Désirée Theis, DIPF, 49 (0)69 24708-109,
Presse: Philip Stirm, DIPF, +49 (0)69 24708-123, ,

Über das DIPF:
Das Deutsche Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) mit Sitz in Frankfurt am Main und in Berlin trägt mit empirischer Bildungsforschung, digitaler Infrastruktur und gezieltem Wissenstransfer dazu bei, Herausforderungen im Bildungswesen zu bewältigen. Das von dem Leibniz-Institut erarbeitete und dokumentierte Wissen über Bildung unterstützt Wissenschaft, Politik und Praxis im Bildungsbereich – zum Nutzen der Gesellschaft.

Über die Universität Kassel:
Die Universität Kassel hat rund 25 000 Studierende und ein außergewöhnlich breites Profil mit den Kompetenzfeldern Natur, Technik, Kultur und Gesellschaft. Rund ein Fünftel aller Studierenden sind Lehramtskandidaten. Zu den Stärken der Lehrerbildung in Kassel gehört neben der großen Anzahl an Studienwerkstätten auch die enge Verzahnung mit der Bildungsforschung, einem der Forschungsschwerpunkte der Universität.

Weitere Informationen:
- http://www.dipf.de – das Deutsche Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF)
- http://www.uni-kassel.de – die Universität Kassel

Quelle: idw


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