Warum halten Menschen ihre Versprechen?

11.07.2008, 11:00 | Wissenschaft | Autor: | Jetzt kommentieren


Menschen unterscheiden sich von Tieren u.a. durch ein außerordentliches Ausmaß an Kooperation. In ihren Bemühungen, kooperatives Handeln zu erklären, betonen Ökonomen stets die Rolle von (Tausch-) Verträgen. Oft handelt es sich dabei um rein informelle Versprechen. Auch formale Verträge sind meist "unvollständig", da es unmöglich ist, die Rechte und Pflichten der Parteien in jeder zukünftigen Situation ausdrücklich zu formulieren. Aus diesem Grund kann ein gegebenes Versprechen oft nicht vor Gericht durchgesetzt werden. Dennoch verlassen wir uns im privaten und geschäftlichen Alltag wie selbstverständlich darauf, dass andere sich an ihre Versprechen halten. Christoph Vanberg vom Max-Planck-Institut für Ökonomik in Jena ist der Frage, warum sich Menschen an Versprechen halten, z. B. auch wenn dies für sie mit einem ökonomischen Verlust verbunden ist, im Rahmen eines sogenannten Mini-Diktatorspiels nachgegangen (Econometrica, 2008).





In der Literatur gibt es eine Reihe von Autoren, die davon ausgeht, dass Menschen eine Veranlagung haben, vertraglich festgelegte Rechte und Pflichten Wert zu schätzen. Indem sie eine Zusage machen, gehen sie eine Verpflichtung ein, deren Erfüllung für sie per se von Wert ist. Das entscheidende Merkmal dieses Erklärungsansatzes ist die Vorstellung, dass für die handelnde Person nicht allein die möglichen Konsequenzen ihres Verhaltens bedeutsam sind, sondern ebenso die Übereinstimmung zwischen ihrem Verhalten und den aus Verträgen und Absprachen resultierenden Verpflichtungen.


Ein anderer Erklärungsansatz geht davon aus, dass das menschliche Verhalten in vielen Zusammenhängen dadurch beeinflusst wird, dass man die Erwartungen anderer nicht enttäuschen möchte. Letztlich wäre es demnach nicht eine Wertschätzung vertraglich festgelegter Pflichten, sondern lediglich der Wunsch, die mit einem Versprechen geweckten Erwartungen zu erfüllen, der dazu führt, dass Versprechen eingehalten werden.


In seiner Studie hat Christoph Vanberg vom Jenaer Max-Planck-Institut für Ökonomik erstmals mit einem spieltheoretischen Experiment untersucht, ob sich ein Nachweis für einen dieser beiden Erklärungsansätze finden lässt. Das methodische Problem dabei: Sobald ein Versprechen gegeben wird, entsteht gleichzeitig eine Selbstverpflichtung im Sinne des zuerst genannten Erklärungsansatzes, während sich zugleich die Erwartungshaltung desjenigen verändert, der das Versprechen erhält. Aus diesem Grunde ist es schwer festzustellen, welches der beiden Motive - Selbstverpflichtung oder Erwartungserfüllung - dazu führt, dass das gegebene Versprechen eingehalten wird.


Vanberg berichtet über ein Experiment, dass es ihm erlaubt, dieses Problem zu umgehen. Das Experiment wurde als sogenanntes Mini-Diktatorspiel gestaltet. Dabei interagieren jeweils zwei Teilnehmer, von denen einer die Rolle des "Diktators", der andere die des "Empfängers" einnimmt. Der Diktator muss sich zwischen zwei möglichen Handlungen entscheiden, von der man zur Vereinfachung die eine als "Nehmen" und die andere als "Teilen" bezeichnen könnte. Im ersten Fall bekommt der Diktator eine hohe Auszahlung und der Empfänger erhält nichts. Im zweiten Fall bekommen beide eine Auszahlung, die für den Diktator etwas kleiner ist, als wenn er "Nehmen" wählt. Die Summe der Auszahlungen ist im zweiten Fall aber höher als im ersten.


Das Spiel hat zwei besondere Eigenschaften. Zum Einen hat ein Teilnehmer in der Rolle des Diktators einen klaren Anreiz, "Nehmen" zu wählen. Zum Zweiten ein Teilnehmer, der nicht weiß, welche Rolle er im Spiel einnehmen wird, würde sich wünschen, dass der Diktator verpflichtet wäre, "teilen" zu wählen. Aus diesem Grunde ist zu erwarten, dass Teilnehmer, die noch nicht wissen, welche Rolle sie einnehmen werden, ein entsprechendes Versprechen austauschen würden. Ziel des Experimentes war es, diese Versprechen und ihren Einfluss auf das Verhalten des Diktators zu beobachten, um zwischen der Selbstbindungs- und Erwartungserfüllungs- Theorie zu unterscheiden.


Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Experiments erhielten - bevor per Zufall die Zuweisung der Rollen erfolgte - die Gelegenheit, zu kommunizieren. Viele Teilnehmer nutzten diese Gelegenheit, um Versprechen auszutauschen, "teilen" zu wählen, falls sie die Rolle des Diktators einnehmen. Im Vergleich zu einer Situation ohne Kommunikation führte dies dazu, dass signifikant mehr Diktatoren "teilen" wählten. Um die Variablen "Selbstverpflichtung" und "Erwartungserfüllung" zu entkoppeln, wurde eine weitere Version des Experiments durchgeführt. In diesem Fall wurde die Hälfte der Teilnehmer-Paare nach der Kommunikationsphase neu zusammengestellt. D.h. die Hälfte der als Diktator ausgewählten Teilnehmer interagierten mit einem "Empfänger," der nicht mit ihnen, sondern einem anderen Diktator kommuniziert hatte. Allerdings wurden hierüber jeweils nur die Personen in der Rolle des Diktators informiert. Sie bekamen zudem die Gelegenheit, zu erfahren, ob ihr neuer Partner ein Versprechen erhalten hatte oder nicht.


Da der "Empfänger" nicht unterscheiden konnte, ob sein Partner ausgetauscht wurde oder nicht, konnte sich seine Erwartungshaltung durch den Partnertausch nicht verändern. Der auf die "Erwartungserfüllung" aufbauende Erklärungsansatz würde demnach voraussagen, dass ein Diktator das Versprechen eines anderen ebenso einhalten sollte, wie sein eigenes. Der auf die "Selbstverpflichtung" aufbauende Ansatz, hingegen, sagt voraus, dass nur ein Versprechen des Diktators selbst wirksam ist.


Das Experiment wurde im institutseigenen Computerlabor an 32 visuell gegeneinander abgeschirmten Computerplätzen durchgefühlt An insgesamt sechs Durchgängen nahmen 192 Studierende der Friedrich-Schiller-Universität Jena teil. Pro Durchgang wurden acht Runden gespielt. Kein Paar spielte mehr als einmal zusammen.


73 Prozent derjenigen, die mit ihrem ursprünglichen Partner zusammenspielten und ein Versprechen abgegeben hatten, wählten "teilen". In allen anderen Konstellationen wählten jeweils etwas mehr als die Hälfte der Diktatoren die Option "teilen", zwischen 44 und 48 Prozent entschieden sich dafür, ihren Empfänger leer ausgehen zu lassen. Das heißt, weder sahen sich die Diktatoren verpflichtet, ein von einem anderen gegebenes Versprechen einzulösen, noch fühlten sie sich einem neuen Partner gegenüber an ein zuvor gegebenes Versprechen gebunden. Für die Entscheidung des Diktators war es nach einem Partnertausch offenbar ohne Belang, ob der neue Empfänger ein Versprechen erhalten hatte oder nicht.


Neben den Entscheidungen der Diktatoren misst Vanberg auch deren Vorstellungen darüber, was der jeweilige Empfänger erwartet. Hierbei zeigt sich, dass Diktatoren, deren Partner ausgetauscht wurden, sich durchaus über die Erwartungen Bewusst waren, die von den Versprechen anderer ausgelöst wurden. Dennoch fühlten sie sich offensichtlich nicht verpflichtet, diese von anderen geweckten Erwartungen zu erfüllen.


"Die Ergebnisse des Experiments sind nicht kompatibel mit der Vorstellung, dass es vor allem die Erwartungen des anderen sind, die dazu führen, dass Versprechen eingelöst werden", betont Vanberg. "Es ist offenbar doch so, dass Menschen per se die Übereinstimmung zwischen ihrem Verhalten und ihren Versprechen wichtig ist."


Originalpublikation:
Vanberg, Christoph: Why do People Keep Their Promises? An Experimental Test of Two Explanations, Econometrica 2008


Weitere Informationen erhalten Sie von:
Christoph Vanberg
Max-Planck-Institut für Ökonomik, Jena
Tel.: 03641 686-636,
mail: vanberg@econ.mpg.de


Quelle: idw


Weitere Nachrichten zum Thema
  • BildPersonalisierte Medizin: Begründete Hoffnung oder gewagtes Versprechen? (14.01.2014, 10:10)
    Die Personalisierte Medizin zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung wird weltweit diskutiert. Welche Erwartungen sie erfüllen kann und welche Fragen sich aufgrund der neuen Methoden möglicherweise aufwerfen, analysieren Experten auf der ersten...
  • Bild„Die Versprechen der Demokratie“ - DVPW-Kongress (18.09.2012, 11:10)
    Über 700 Politikwissenschaftler diskutieren an der Universität Tübingen eine Woche lang über die Zukunftsfähigkeit von Demokratie im 21. Jahrhundert.Ob durch moderne Formen der Teilhabe in der Piraten-Partei oder durch den Erfolg Chinas als...
  • BildTrauben versprechen Linderung bei Lebererkrankungen (24.02.2011, 09:00)
    Veronique Chachay ist Doktorandin am Diamantina Institute der University of Queensland in Australien und erforscht derzeit, ob ein in der Haut von Trauben vorkommender Nährstoff bei der Behandlung der nicht alkoholbedingten Fettleber zu positiven...
  • BildErmutigendes Versprechen für die Bildung (23.03.2010, 14:00)
    "Die gestrigen Äußerungen der Wissenschaftsminister von Bund und Ländern sind ermutigend: Endlich wird verstanden, dass Deutschland in die Wissensvermittlung und den Aufbau von Kompetenzen der jungen Menschen mehr investieren muss. Wir brauchen...
  • BildWas macht den Menschen zum Menschen? (13.03.2010, 17:00)
    Sprachforscherin Angela Friederici lädt im Rahmen der Johannes Gutenberg-Stiftungsprofessur internationale Wissenschaftsprominenz an die Universität MainzKönnen Tiere reden? Schreien französische Babies anders als deutsche? Was haben Fahrradfahren...
  • BildNeue Elektronikbauteile versprechen künstliche Gehirne (22.10.2009, 16:00)
    Wissenschaftler der Universität Bielefeld erhält Förderung des Landes NRW für eine NachwuchsforschergruppeDer Experimentalphysiker Privatdozent Dr. Andy Thomas beschäftigt sich mit Materialforschung an der Schnittstelle zwischen Nanotechnologie...
  • BildUniversität Flensburg: Individualisierung - ein uneingelöstes Versprechen (08.04.2008, 23:00)
    Annemarie von der Gröben hat in zahlreichen Artikeln und Büchern beschrieben, wie Kinder durch individuelle Förderung zu guten Schulleistungen gelangen. Am Mittwoch, 16. April, spricht die ehemalige didaktische Leiterin der Laborschule in...
  • BildWas macht den Menschen zum Menschen? (05.11.2007, 15:00)
    Natur- und Geisteswissenschaftler aus dem In- und Ausland diskutieren am 12. und 13. November 2007 in der Universität Dortmund über Grundlagen der Sprach- und Kulturfähigkeit des Menschen.Spätestens seit der Entschlüsselung des Schimpansengenoms...
  • BildNeue Substanzen versprechen Hilfe bei Darmentzündungen (19.09.2006, 12:00)
    Arzt-Patienten-Seminar zu chronisch entzündlichen Darmerkrankungen am 23. September am UKJ Jena. Wenn der Darm chronisch entzündet ist, ist das mehr als nur ein wenig unangenehm: Morbus Crohn und Colitis ulcerosa, die zwei wichtigsten...
  • BildWas den Menschen zum Menschen macht (21.07.2006, 12:00)
    BMBF finanziert interdisziplinäres Verbundprojekt des Instituts für Philosophie der Universität JenaJena (21.07.06) Was unterscheidet den Menschen von Tieren? Spontan denkt man: "Vieles". Da sind die Sprache, das Abstraktionsvermögen, der Gebrauch...

Ähnliche Themen in den JuraForen


Kommentar schreiben

39 - A.c;ht =

Bisherige Kommentare zur Nachricht (0)

(Keine Kommentare vorhanden)



Fragen Sie einen Anwalt!
Anwälte sind gerade online.
Schnelle Antwort auf Ihre Rechtsfrage.

JuraForum-Newsletter

Kostenlose aktuelle Urteile und Rechtstipps per E-Mail:

Top 10 Orte in der Anwaltssuche

JuraForum-Suche

Durchsuchen Sie hier JuraForum.de nach bestimmten Begriffen:

© 2003-2017 JuraForum.de — Alle Rechte vorbehalten. Keine Vervielfältigung, Verbreitung oder Nutzung für kommerzielle Zwecke.