"Na, endlich fragt mal eener!" - Forschungsprojekt unterstützt sozial verträgliche Sanierung von Alt

28.09.2006, 13:00 | Wissenschaft | Autor: | Jetzt kommentieren


Berliner Forschungsprojekt hat ein Beteiligungsverfahren entwickelt, um die Sanierung und Erneuerung von Nachkriegs-Siedlungen zu begleiten und sozial verträglich zu gestalten / Anwohnerinnen und Anwohner werden zu "Experten" für ihr Wohnumfeld / Zusammenarbeit zwischen Forschung und Praxis ist Paradebeispiel für die Besonderheiten des Förderschwerpunkts "Sozial-ökologische Forschung"





Ein Drittel des Bestandes an Mehrfamilienhäusern in Deutschland stammt aus den 50er oder 60er Jahren; oft bilden sie größere Siedlungen, die von Wohnungsbau-Gesellschaften verwaltet werden. Hier besteht ein erheblicher Erneuerungs- und Sanierungsbedarf, der von den Gesellschaften große finanzielle Anstrengungen verlangt und für die Anwohnerschaft - insbesondere die Altmieter - spürbare Belastungen und soziale Umbrüche mit sich bringt. Häufig ist die soziale Stabilität dieser Nachkriegs-Siedlungen auch durch den demografischen Wandel bedroht. Das Forschungsprojekt "Umbauen statt neu bauen", eine Kooperation zwischen der Technischen Universität Berlin (TUB) und dem Sekretariat für Zukunftsforschung (SFZ), hat ein Beteiligungsverfahren entwickelt, das dazu beiträgt, solche Sanierungsmaßnahmen sozial verträglich zu gestalten. Hierbei werden die Interessen und Wünsche der Anwohnerschaft bezüglich der Gestaltung und Nutzung in die Planungsprozesse einbezogen. Die Erfahrungen zeigen, dass auf diesem Wege Siedlungen mit hoher Lebensqualität, hohem Vermietungsstand und großer Mieterzufriedenheit erhalten oder geschaffen werden können - und dies auch in Stadtteilen, die als Problemviertel in Verruf geraten sind wie etwa im Berliner Bezirk Neukölln.
In Berlin, aber auch in vielen anderen deutschen Städten, finden sich die so genannten Zeilensiedlungen mit ihrer typischen parallelen Anordnung der Gebäude, getrennt von weiträumigen, aber oft wenig strukturierten Grünflächen. Neben der sanierungsbedürftigen Bausubstanz sind auch viele Außenflächen wenig anwohnerfreundlich gestaltet. Die Wohnungsunternehmen stehen vor der Notwendigkeit, in Zeiten knapper Kassen mit geringen Mitteln möglichst große Wirkung zu erzielen. Darüber hinaus erleben diese Siedlungen auch einen sozialen Umbruch. Manche Anwohner leben hier schon seit Jahrzehnten, andere sind erst in den letzten Jahren zugezogen. Soziales Konfliktpotenzial ergibt sich durch unterschiedliche Wünsche und Ansprüche nicht nur zwischen Alteingesessenen und Zugezogenen sondern auch zwischen Alt und Jung, zwischen Familien und Singles.
Die Forschungsgruppe entwickelte die "Grüne Mappe", ein kreatives Beteiligungs-verfahren, mit dessen Hilfe jeweils etwa 600 Bewohner aus zwei Zeilenbau-Siedlungen ihre Ideen und Wünsche für die Gestaltung und Nutzung des unmittelbaren Wohnumfeldes darlegen konnten. "Na, endlich fragt uns mal eener!" und "Uns gefällt das Konzept, weil es den Mietern erstmals vor einer Umgestaltung das Gefühl vermittelt, an einer Entscheidungsfindung beteiligt zu werden" Diese Reaktionen von Anwohnerinnen einer Siedlung in Neukölln machen deutlich, wo das Forschungsprojekt neue Wege geht. Projektleiterin Dr. Gabriele Wendorf (TUB) erläutert: "Wir verstehen Anwohner sozusagen als Experten in eigener Sache und wollen ihre Erfahrungen nutzen sowie ihre Kreativität anregen und dies dann in die Planungsprozesse einfließen lassen. Gesucht sind ebenso einfache wie wirkungsvolle Lösungen zur Gestaltung von Gebäuden und Umfeld, welche die Wohnqualität und damit die Zufriedenheit der Mieterinnen und Mieter nachhaltig erhöhen."
Als Teil des mehrstufigen Verfahrens wurde innerhalb der Siedlungen eine Ausstellung eingerichtet. Die Mieterschaft hatte Gelegenheit untereinander und mit dem Forschungsteam über erste Ergebnisse und konkretere Planungen ins Gespräch zu kommen. So hat man beispielsweise einen Wohngebietsplan ausgestellt, der die Wunschpositionen für Bänke, Leuchten und anderes Freiraummobiliar aus einer ersten Beteiligungsrunde widerspiegelte. Bei allen Aktionen legte das Forschungsteam großen Wert darauf, möglichst viele Kontakt- und Gesprächs-Gelegenheiten mit den Anwohnern zu erhalten. "Wir wollen mit unserem Projekt keine Luftschlösser bauen", betont Gabriele Wendorf, "sondern realisierbare Ideen entwickeln."
Eine wichtige Erkenntnis der TUB-Forscherinnen: Wenn man die Menschen in
Umgestaltungsprozesse integrieren will, muss man ihre Sprache sprechen und verstehen. Es zeigte sich, dass die Bewohner einerseits manche Details ihrer Wohnumgebung sehr einfallsreich - typisch berlinerisch - auf den Begriff brachten: Da wurden dann neue Balkone schon mal zu "Gemüsekisten" oder eine Lampenkonstruktion zum "Galgen". Auf der anderen Seiten fehlen den Menschen oft die sprachlichen Möglichkeiten, um ihre Bedürfnisse in Worte zu fassen, zum Beispiel bei der möglichen Gestaltung der Grünflächen. Immer wieder stellten die Forscher auch fest, dass die Bewohner ganz andere Details als bedeutsam erachten als die Fachplaner. So sind den Menschen Balkone und deren Nutzungsmöglichkeiten besonders wichtig, ebenso die Frage nach "Licht und Schatten", also die Folgen der Bepflanzung mit Bäumen.
Um möglichst viele Bewohnerinnen und Bewohner, unabhängig von Bildungsstand, Sprach- und Kommunikationsfähigkeiten in Beteiligungsprozesse einzubinden, sieht das Verfahren der Grünen Mappe auch Elemente vor, in denen gemalt, geschrieben oder geklebt werden kann oder vorgefertigte Sticker eine Meinungsäußerung ermöglichen. Andere Elemente (Ausstellung, Mieterfest, Themenworkshops) bieten die Möglichkeit, einen möglichst breiten Kreis der Mieterschaft zu erreichen, der sich beispielsweise in Mieterversammlungen nicht äußern würde.
Über die Begleitung der Siedlungssanierung hinaus verfolgt die Forschungsgruppe auch das Ziel, zwischen den Bewohnern selbst einen Dialog und sozialen Austausch in Gang zu bringen. Erkenntnisse aus dem Projekt zeigen: Typische Konflikt-situationen, die im Wohnumfeld auftreten, können durch eine entsprechende Kommunikation innerhalb der Mieterschaft ausgeglichen werden. So manches Vorurteil verliert dadurch an Bedeutung. Mancher Vorwurf, wie zum Beispiel "die anderen" lassen immer ihren Müll liegen, entpuppt sich als haltlos.
Die Wissenschaftlerinnen um Gabriele Wendorf begleiten seit vier Jahren Sanierungsvorhaben in verschiedenen Berliner Bezirken sowie in Lübbenau (Spreewald). Dabei arbeiten sie eng mit den jeweiligen Wohnungsunternehmen und Planern zusammen. "Die beteiligten Unternehmen haben dieses Vorgehen von Beginn an gebilligt und unterstützt, obwohl dies mit größerem Zeitaufwand verbunden war", lobt Frau Wendorf. Eine solche "transdisziplinäre" Kooperation zwischen Wissenschaft und Partnern aus der Praxis gehört zu den Besonderheiten der Sozial-ökologischen Forschung. Dieser Forschungsschwerpunkt wurde im Jahr 2000 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) eingerichtet und umfasst Forschungsprojekte in so unterschiedlichen Bereichen wie Ver- und Entsorgung, Agrar- und Ernährungsforschung oder Gesundheit.


Kontakt: Dr. Gabriele Wendorf (TU Berlin), Tel. 030-314-24969
E-Mail: wendorf@ww.tu-berlin.de


Weitere Informationen:
- http://www.zeilen-umbruch.de - Projekt-Homepage

Quelle: idw


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