Illegales Glücksspiel: Forschungsstelle Glücksspiel geißelt Passivität der Politik

10.03.2014, 11:10 | Wissenschaft | Autor: | Jetzt kommentieren


Glücksspiel-Symposium der Universität Hohenheim sieht Deutschland nicht gewappnet im Kampf gegen illegale Anbieter / v.a. Jungendliche gefährdet

Rund 12.000 illegale Glücksspielanbieter agierten im Internet, ohne dass sie eine Strafverfolgung in Deutschland befürchten müssten. Eine „untragbare Situation“, so dass Urteil von Prof. Dr. Tilman Becker, Geschäftsführender Leiter der Forschungsstelle Glücksspiel an der Universität Hohenheim. „Wer sich nicht an Gesetze hält, wird geschont. Legale Anbieter, die Sucht- und Jugendschutz ernst nehmen und Steuern zahlen, werden durch rechtliche Hürden eingeschränkt.“ Ergebnis sei, dass z.B. der Jugendschutz konterkariert werde: „Illegale Online-Anbieter bieten unkomplizierten Zugang zu schnellen Spielen mit höheren Ausschüttungen – was gerade Jugendliche in ihre Arme treibt.“ Dabei seien Gegenmaßnahmen durchaus möglich. Eine zentrale Forderung sei eine gut ausgestattete Gemeinsame Glücksspielkommission der Länder, die alle Aufgaben der Glücksspielaufsicht bündelt. Seine Aussagen traf der Experte auf einer Pressekonferenz am vergangenen Freitag. Anlass war das wissenschaftliche Glücksspiel-Symposium 2014 mit dem Schwerpunkt "Zwischenbilanz zum neuen Glücksspielstaatsvertrag".

Es geht um viel Geld – auch für den Staat. Europaweit zahlen die zugelassenen Glücksspielanbieter jährlich rund 22 Milliarden Euro an Steuern und Abgaben. Das meiste fließt in Sport- und Kulturförderung. Fünf Milliarden Euro sind es allein in Deutschland.
Auch den Bundesbürgern ist das Glücksspiel viel Geld wert. Im Jahr 2012 verzockten allein die Bundesbürger rund 48 Milliarden Euro – bei den legalen Anbietern. Dazu kommen geschätzte 6 bis 9 Milliarden an illegalen Einsätzen allein in der Bundesrepublik. „Das ist doppelt so viel wie noch im Jahr 2006“, rechnet Prof. Dr. Becker von der Universität Hohenheim: „Steigend“. Konsequenzen: „Fast keine.“

Deutschland sieht zu, während andere Länder handeln
Dabei gäbe es durchaus wirksame Gegenmaßnahmen, wie die Experten auf dem Symposium berichten. Dazu zähle:
• Werbeverbot für illegale Anbieter, bei dem Verstöße verfolgt und mit hohen Strafen geahndet werden (z.B. in Frankreich)
• Schwarze und weiße Listen für Glücksspielanbieter (z.B. in Belgien)
• Zugriffsbeschränkungen auf Internetseiten illegaler Anbieter (z.B. in Italien)
• Abkommen mit Kreditkarten-Unternehmen, um Finanzströme auf Konten illegaler Anbieter zu blockieren (wie in anderen Ländern praktiziert)
In Deutschland herrsche dagegen weitgehend Passivität, so Prof. Dr. Becker. Ein Beispiel: Online-Casinos. „Diese Casinos sind seit acht Jahren verboten. Was ist passiert? Nichts!“

Glücksspiel-Kommission könnte Probleme mindern
Grund dafür seien die schwerfälligen Strukturen in Deutschland. „Wir haben 16 Länder mit 16 unterschiedlichen Gesetzen – und jeder wartet, dass der andere voran geht“, so Prof. Dr. Becker.
Ein Fortschritt wäre eine bundesweite Glücksspiel-Kommission, die alle Aufgaben bündelt. „An sich sind die Vorgaben im Glücksspielstaatsvertrag gar nicht schlecht – sie müssten nur umgesetzt werden“, meint Prof. Dr. Becker. „Das kleine Dänemark besitzt eine solche Kommission mit 100 Mitarbeitern – nur Deutschland akzeptiert statt dessen einen Wildwest-Zustand, der eigentlich untragbar ist“.

Passivität der Politik nutzt den illegalen Anbietern
Die Folgen der Passivität: Vor allem junge Menschen würden regelrecht in die Arme der illegalen getrieben.
„Legale Spielhallen und Casinos nehmen die Kontrollen inzwischen sehr ernst. Auch bei legalen Online-Anbieter muss ich erst eine Kopie des Personalausweis einschicken, ich brauche eine Schufa-Auskunft – das ist natürlich aufwändiger, als bei den Illegalen“, berichtet der Leiter der Forschungsstelle.
Dort könnten sich selbst Minderjährige einloggen und losspielen. „Wir merken, dass die Illegalen zunehmend und mit maßgeschneiderten Spielangeboten auf diese Zielgruppe zugeht.“ Da illegale Anbieter keine Steuern zahlten, könnten sie auch wesentlich höhere Wettgewinne auszahlen – was sie noch attraktiver mache.“
Gleichzeitig seien die persönliche und biologische Reife bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen noch in einem Stadium, dass sie für das Spiel besonders anfällig mache. Noch dominierten in Suchtkliniken der Typ des älteren Automatenspielers, so ein Fazit des Symposiums. Die Zahl der Jungen Menschen mit Spielsucht steige jedoch an.

Ziele des Glücksspielstaatsvertrags werden ins Gegenteil verkehrt
„Es ist ein Ziel des Glückspielstaatsvertrags, den Konsum weg von dem illegalen Spiel hin zu dem legalen Spiel zu lenken. Je unattraktiver die Teilnahme an dem legalen Angebot z. B. durch Maßnahmen zur Identifizierung und Authentifizierung, Werbeeinschränkungen etc. gemacht wird, desto eher wandern die Verbraucher zu den illegalen Anbietern, gegen die überhaupt nicht effektiv vorgegangen wird. Ein hoher Grad des Jugend- und Spielerschutzes bei dem legalen Angebot führt nur zu einer Lenkung des Konsums zu den illegalen Anbietern, wenn nicht gleichzeitig gegen die illegalen Anbieter vorgegangen wird.“ so Prof. Dr. Becker.
Sein Fazit: „Wer sich nicht an die Regeln hält, wird geschont. Wer legal arbeitet, muss hohe Hürden bewältigen. Und das ist ein untragbarer Zustand!“

HINTERGRUND: Glücksspiel und Glücksspielstaatsvertrag
Der Glücksspielstaatsvertrag ist ein Staatsvertrag zwischen den Ländern der Bundesrepublik Deutschland. Die Ziele des Glücksspielstaatsvertrags sind der Jugend- und Spielerschutz, aber auch die Wahrung der Integrität des Sports. Die Sucht-, Betrugs-, Manipulations- und Kriminalitätsprävention stehen im Vordergrund der Gesetzgebung. Der Glücksspielstaatsvertrag neuer Fassung hat mit dem 1. Juli 2012 den Glücksspielstaatsvertrag alter Fassung vom 1. Januar 2008 abgelöst. Online-Casinospiele und Online-Poker sind weiterhin untersagt. Bei Sportwetten können sich private Unternehmen um Lizenzen bewerben, Ein Angebot von Lotterien und Sportwetten im Internet ist wieder möglich.

HINTERGRUND: Forschungsstelle Glücksspiel
Die Forschungsstelle Glücksspiel der Universität Hohenheim hat es sich zur Aufgabe gemacht, die verschiedenen Aspekte des Glücksspiels interdisziplinär wissenschaftlich zu beleuchten. Die über 20 Wissenschaftler bringen ihre Expertise aus vielfältigen Bereichen in die Glücksspielforschung ein, so u. a. aus dem Öffentlichen und Bürgerlichen Recht, der Ordnungs- und Verbraucherpolitik, der Mathematik und Statistik, der Finanzwissenschaft und Steuerlehre, Wirtschaftstheorie, Kommunikations- und Informationswissenschaften, Haushalts- und Genderökonomik, Marketing, Spieltheorie, Statistik und Ökonometrie sowie Psychologie und Medizin. weitere Infos unter https://gluecksspiel.uni-hohenheim.de/
Links:
Forschungsstelle Glücksspiel: http://gluecksspiel.uni-hohenheim.de
Text: Florian Klebs

Kontakt für Medien:
Prof. Dr. Tilman Becker, Universität Hohenheim, Forschungsstelle Glücksspiel
Tel.: 0711/459-22599, E-Mail: tilman.becker@uni-hohenheim.de, https://gluecksspiel.uni-hohenheim.de/

Quelle: idw


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