Der Schwarze Tod als Ursprung heutiger Pestausbrüche

08.06.2016, 19:10 | Wissenschaft | Autor: | Jetzt kommentieren


Ein einzelner Stamm des Pestbakteriums Yersinia pestis hat zum Ausbruch mehrerer historischer und neuzeitlicher Pestepidemien rund um den Globus geführt. Das zeigt die Analyse und der Vergleich von Genomen des Erregers von unterschiedlichen Krankheitsausbrüchen und mehreren Regionen Europas durch ein internationales Forschungsteam unter Leitung des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte in Jena.

Die Pest war auch nach dem Ende ihres wohl verheerendsten Ausbruchs, dem Schwarzen Tod (1347-1351), noch für Jahrhunderte die am meisten gefürchtete Krankheit in Europa und bis ins 18. Jahrhundert kam es wiederholt zu Ausbrüchen der Krankheit, die zusammenfassend mit dem Begriff „zweite Pandemie“ bezeichnet werden. Heute gilt der Erreger auf dem europäischen Kontinent als ausgestorben, in anderen Regionen der Welt existiert er jedoch noch.

Um die Entwicklungsgeschichte dieses berüchtigten Erregers näher zu untersuchen, wurden für die heute in Cell Host&Microbe veröffentlichte Studie historische Genome des Pesterregers, Yersinia pestis, aus Massengräbern in Barcelona, Spanien und Ellwangen, Süddeutschland, sowie aus einem Einzelgrab in Bolgar, Russland rekonstruiert und mit historischen sowie heutigen Erreger-Genomen verglichen. Während der spanischen Erreger auf die Mitte des 14. Jahrhundert datiert und damit am ehesten den Beginn des Schwarzen Todes repräsentiert, stammt das russische Genom aus den Jahrzehnten nach dem Abklingen der Pandemie. Die Ellwanger Probe ist einem späteren Pestausbruch im 16. Jahrhundert zuzurechnen. „Wir haben gehofft, durch die Untersuchung von Pestopfern verschiedener Pestwellen, unterschiedliche Entwicklungsstufen des Bakteriums im mittelalterlichen Europa erfassen zu können", sagt Maria Spyrou, die Hauptautorin der Studie.

Aus historischen Quellen lässt sich schließen, dass die Pest in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts in Richtung Nordosteuropa nach Russland reiste. Was die Geschichtsbücher nicht verraten, ist, dass die Pest damit nicht gebannt war. Schon 2014 wurde spekuliert, dass die Pest von Russland aus weiter nach China wanderte. „Unsere Arbeit bietet erstmals genetische Belege dafür, dass mit dem Abklingen des Schwarzen Todes in Mitteleuropa, Stämme der europäischen Pest nach Osten wanderten, am Ende des 14. Jahrhunderts das Gebiet der Goldenen Horde im heutigen Russland erreichten und schließlich bis nach China gelangten, wo sie die dritte weltweite Pestpandemie auslösten, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts begann“, erläutert Johannes Krause, Direktor am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte die Ergebnisse.

Alexander Herbig, Experte für Pathogenomik und weiterer Leiter der Studie fügt hinzu: „Obwohl heute in China verschiedene Stämme des Pesterregers existieren, hat nur die Abstammungslinie, die Jahrhunderte zuvor in Europa den Schwarzen Tod verursacht hat, Südostasien im späten 19. Jahrhundert verlassen und sich schnell nahezu über die ganze Welt verbreitet.“

Europa für mehrere Jahrhunderte ein Hot-Spot für die Pest?

Auch wenn der Schwarze Tod nach 1353 nachließ, gab es bis ins 18. Jahrhundert hinein immer wieder Pestausbrüche in Europa. Wo sich der mittelalterliche Pesterreger zwischen den Krankheitswellen verbarg, ist umstritten. Zu Beginn dieses Jahres berichteten Forscherinnen und Forscher, die auch an dieser Studie beteiligt sind, von einem Peststamm, der für die große Pest von Marseille, 1720-1722, dem wahrscheinlich letzten Pestausbruch in Europa, verantwortlich ist und nach heutigen Erkenntnissen nicht mehr existiert. Nun legt seine enge Verwandtschaft mit dem Ellwanger Pesterreger aus dem 16. Jahrhundert nahe, dass der Pesterreger nicht weit kam. Anders als Marseille liegt Ellwangen fernab jeder Küste und großen Handelswegen. Das Vorhandensein einer gemeinsamen Abstammungslinie der Pest in beiden Städten, legt nach Meinung des Forschungsteams nahe, Europa als mittelalterlichen Pest-Hotspot anzunehmen. „Die Hinweise verdichten sich, dass das Pestbakterium sich noch über Jahrhunderte nach dem Ende des Schwarzen Todes in Europa aufhielt“, sagt Kirsten Bos, Paläopathologin am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte. „Die Gründe für das Verschwinden des Pesterregers aus Europa, bleiben jedoch ein Geheimnis.“

Originalveröffentlichung

Maria A. Spyrou, Rezeda I. Tukhbatova, Michal Feldman, Joanna Drath, Sacha Kacki, Julia Beltrán de Heredia, Susanne Arnold, Airat G. Sitdikov, Dominique Castex, Joa-chim Wahl, Ilgizar R. Gazimzyanov, Danis K. Nurgaliev, Alexander Herbig, Kirsten I. Bos, and Johannes Krause (2016), Historical Y. pestis genomes reveal the European Black Death as the source of ancient and modern plague pandemics, Cell Host & Microbe.

Weitere Informationen

Prof. Dr. Johannes Krause
E-Mail: krause@shh.mpg.de
Tel. 03641-686 600

Dr. Kirstin Bos
E-Mail: bos@shh.mpg.de
Tel. 03641-686 678

Dr. Alexander Herbig
E-Mail: herbig@shh.mpg.de
Tel. 03641-686 628

Weitere Informationen:
- http://www.shh.mpg.de

Quelle: idw


Weitere Nachrichten zum Thema
  • BildDer Ursprung der Wirbeltiere (24.02.2013, 20:10)
    Mit Konstanzer Beteiligung hat eine weltweite Forschungskooperation das ursprüngliche Genom des Neunauges entschlüsseltÜber 50 Wissenschaftler aus fast 40 Laboren weltweit nahmen an einem Genomprojekt teil, das im Genom des Meeresneunauges...
  • BildDer evolutionäre Ursprung unserer Zähne (17.10.2012, 20:10)
    Bislang war umstritten, ob die frühesten Wirbeltiere, die Kiefer hatten, schon Zähne besassen oder nicht. Nun hat ein international zusammengesetztes Forschungsteam gezeigt, dass der urzeitliche Fisch Compagopiscis bereits Zähne hatte. Das deutet...
  • BildSchwarze Raucher en miniature (07.08.2012, 13:10)
    1,5 Millionen Euro Förderung für Bremer TiefseeforscherDie DFG hat dem Bremer Meeresforscher Prof. Wolfgang Bach bzw. der Universität Bremen Fördergelder in Höhe von 1,5 Millionen Euro bewilligt. Damit will der MARUM-Wissenschaftler in den...
  • BildSchwarze Löcher als Teilchendetektoren (18.06.2012, 10:10)
    Bisher unentdeckte Elementarteilchen könnten sich um schwarze Löcher anlagern und sich dadurch zu erkennen geben, sagen Berechnungen der TU Wien.Wer neue Teilchen finden will, braucht normalerweise viel Energie – deshalb baut man Beschleuniger, in...
  • BildZum Ursprung unseres Sonnensystems (31.01.2012, 14:10)
    Mit zwölf neuen Projekten ist das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanzierte Schwerpunktprogramm (SPP 1385) „Die ersten zehn Millionen Jahre des Sonnensystems“ nach einer erfolgreichen internationalen Begutachtung in die zweite...
  • BildVedische Texte und ihr Ursprung (14.06.2011, 14:10)
    Striche, Bögen, Kringel: Die fremde Schrift auf der linealförmig zugeschnittenen Birkenrinde sieht sehr kunstvoll aus. Hinter ihr verbergen sich uralte hinduistische Überlieferungen aus Indien. Erforscht werden die Texte in einem neuen Projekt am...
  • BildSonderführungen zum Ursprung der Vögel (20.02.2008, 12:00)
    Phyletisches Museum der Universität Jena startet am 23. Februar um 15 Uhr mit Führungsserie zur neuen SonderausstellungJena (20.02.08) Im Phyletischen Museum der Universität Jena ist bis Mitte Juni 2008 eine neue Sonderausstellung über den...
  • BildUrsprung liegt im Dunkeln (31.01.2007, 13:00)
    Wie können Krebsleiden mit unbekanntem Primärtumor behandelt werden? / Frühjahrssymposium des Onkologischen Arbeitskreises Heidelberg am 3. Februar 2007 im Deutschen KrebsforschungszentrumsBei etwa zehn Prozent aller Patienten mit Krebs, der sich...
  • BildUrsprung des galaktischen Röntgenlichts geklärt (21.02.2006, 13:00)
    Neue Himmelskarte zeigt Millionen bisher unbekannter ObjekteWissenschafter vom Max-Planck-Institut für Astrophysik haben entdeckt, dass das Röntgenleuchten der Milchstraße von rund einer Million Doppelsternen stammt, in denen jeweils ein Weißer...
  • BildKeine schwarze Magie! (14.11.2005, 13:00)
    Optische Schichten gewinnen seit einigen Jahren rasant an Bedeutung. Ob in Kameras, Lasern, medizintechnischen Ausrüstungen, Kopierern oder Scannern, optische Schichten bestimmen deren Leistungsfähigkeit. So reduzieren oder verhindern...

Ähnliche Themen in den JuraForen


Kommentar schreiben

18 + V ier =

Bisherige Kommentare zur Nachricht (0)

(Keine Kommentare vorhanden)



Fragen Sie einen Anwalt!
Anwälte sind gerade online.
Schnelle Antwort auf Ihre Rechtsfrage.

JuraForum-Newsletter

Kostenlose aktuelle Urteile und Rechtstipps per E-Mail:

Top 10 Orte in der Anwaltssuche

JuraForum-Suche

Durchsuchen Sie hier JuraForum.de nach bestimmten Begriffen:

© 2003-2017 JuraForum.de — Alle Rechte vorbehalten. Keine Vervielfältigung, Verbreitung oder Nutzung für kommerzielle Zwecke.