Der Mut der Wenigen in der Diktatur

11.07.2012, 12:10 | Wissenschaft | Autor: | Jetzt kommentieren


Historiker der Universität Jena veröffentlichen Buch über politische Verfolgung an der Friedrich-Schiller-Universität zwischen 1945 und 1989

Natürlich scheine auch in der Diktatur die Sonne, sagt Roland Jahn. Der einstige Jenaer Student und jetzige Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen warnt jedoch davor, die Vergangenheit zu verklären. Ein Bekenntnis zur Biografie könne schmerzhaft sein, sagt Jahn. Doch: „Ich möchte ermutigen, zur eigenen Biografie zu stehen und gleichzeitig die Biografien anderer zu hören und ernst zu nehmen.“ Jahns Aussagen stehen in einem Vorwort zu dem Band „Politische Verfolgung an der Friedrich-Schiller-Universität Jena von 1945 bis 1989“, den die Historiker Dr. Tobias Kaiser und Dr. Heinz Mestrup herausgegeben haben.

Tatsächlich habe es politisch motivierte Verfolgung an der Jenaer Universität seit deren Wiedereröffnung nach Kriegsende bis zum Zusammenbruch der DDR gegeben, konstatiert Tobias Kaiser. Doch müsse von Wellen der Verfolgung gesprochen werden, von Zyklen, die sich meist mit politischen Ereignissen und der politischen „Großwetterlage“ verbanden. Am Beginn standen die Auseinandersetzungen mit sogenannten bürgerlichen Wissenschaftlern. Damals war der Weg der Hochschule hin zu einer „sozialistischen Universität“ längst noch nicht klar. Aber jeder, der dem Machtanspruch der SED zuwiderhandelte, war in Gefahr. Widerstand wurde nicht geduldet. Es drohten hohe Zuchthausstrafen, Deportation in die Sowjetunion, im schlimmsten Falle gar die Hinrichtung. „Doch in der Nachkriegszeit gab es immer noch den Ausweg, in den Westen zu gehen“, sagt Tobias Kaiser. Diesen Weg nahm 1958 sogar der Rektor Josef Hämel.

Eine Zäsur bildet deshalb der Mauerbau 1961: Nun hieß es, sich mit dem Regime zu arrangieren. Was nicht jedem gelang. Gerade jene, denen an einer Verbesserung des „real existierenden Sozialismus“ gelegen war, machten sich häufig angreifbar. Weitere Einschnitte kamen mit dem Prager Frühling 1968 und später der Ausbürgerung Wolf Biermanns. Nun eckte an, wer Kritik oder Sympathie äußerte, auf seinem Recht auf freie Meinungsäußerung bestand. Dieses Recht bestand lediglich auf dem Papier – wehe denen, die es zu vehement einforderten. Viele wurden exmatrikuliert, mussten zur „Bewährung in die Produktion“. Lebensläufe wurden verbogen, Karrieren verhindert.

Das Buch entstand im Wesentlichen aus den Beiträgen der Tagung „Politische Verfolgung an der Universität Jena von 1945 bis 1989“, die im Herbst 2008 stattfand. Bei jener Tagung kamen Menschen zu Wort, von denen viele mit den Oberen in Konflikt gerieten, weil sie Verbesserungen einforderten. Andere, wie Roland Jahn, wurden zu Dissidenten gemacht, weil sie auf ihren Rechten beharrten. Jahn war als „Kabinenwähler“ aufgefallen, weil er – als Einziger – mit seinem Stimmzettel in die Wahlkabine gegangen war. Später wurde ihm sein Eintreten für Wolf Biermann zum Verhängnis. Er wurde exmatrikuliert und – nach mehreren Haftstrafen – in die BRD ausgebürgert.

„Über 100 solcher Biografien haben wir bislang ausfindig gemacht“, sagt Tobias Kaiser. Es sind oft beklemmend zu lesende Berichte, die von Ohnmacht und hilflosem Zorn künden. Eine Gesamtdarstellung stehe jedoch noch aus, denn wer in die Materie eintauche, der finde immer wieder neue Namen, so Kaiser.

Beim Lesen der Beiträge gewinnen Dinge an Bedeutung, die wir häufig mit dem Verlegenheitsbegriff „Werte“ belegen, schreibt Uni-Rektor Prof. Dr. Klaus Dicke in seinem Geleitwort. Darunter falle die Treue zur Wahrheit, der Wert kritischer Korrektive, der Wert furchtfreien öffentlichen Redens, der Wert mutigen Widerstehens. Begriffe, die uns heute als selbstverständlich erscheinen. Die Lektüre belegt, dass es durchaus nicht selbstverständlich war, diese Werte in der Zeit der Diktatur hochzuhalten, für sie einzustehen. Schon deshalb ist das Schicksal jedes Einzelnen der Protagonisten es wert, erinnert zu werden. Das neue Buch leistet dazu einen wichtigen Beitrag.

Bibliographische Angaben:
Tobias Kaiser, Heinz Mestrup (Hg.): Politische Verfolgung an der Friedrich-Schiller-Universität Jena von 1945 bis 1989, Metropol Verlag, Berlin 2012, 460 Seiten, 29,00 Euro, ISBN 978-3-86331-047-9

Kontakt:
Dr. Tobias Kaiser
Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien
Schiffbauerdamm 17
10117 Berlin
Tel.: 030 / 22792577
E-Mail: kaiserkgparl.de

Dr. Heinz Mestrup
Bischöfliches Generalvikariat Münster, Bistumsarchiv
Georgskommende 19
48143 Münster
Tel.: 0251 / 495522
E-Mail: mestrupbistum-muenster.de

Weitere Informationen:
- http://www.uni-jena.de

Quelle: idw


Weitere Nachrichten zum Thema
  • BildVerbraucherstreitbeilegungsgesetz bringt ein neues System außergerichtlicher Konfliktbehandlung (15.01.2015, 10:33)
    Das Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz hat im November 2014 den Referentenentwurf für ein neues Verbraucherstreitbeilegungsgesetz (VSBG) vorgelegt. Mit diesem Gesetz will die Bundesregierung noch in der laufenden...
  • BildKunst darf Hitler grüßen (19.08.2013, 14:07)
    Kassel (jur). Im sogenannten Hitlergruß-Prozess hat das Amtsgericht Kassel den Künstler Jonathan Meese freigesprochen. Der von ihm bei einer Veranstaltung in Kassel gezeigte Hitlergruß sei Teil einer Performance gewesen und habe daher der Kunst...
  • BildKulturstaatsminister Bernd Neumann initiiert virtuelles Museum „Künste im Exil“ (10.05.2012, 14:39)
    Kulturstaatsminister Bernd Neumann hat den Aufbau eines virtuellen Museums „Künste im Exil“ auf den Weg gebracht, das sich mit Exil und Emigration von Schriftstellern, Filmemachern, bildenden Künstlern, Theaterschaffenden und Musikern befasst. Der...
  • BildAutoradio auch bei nur wenigen Geschäftsfahrten gebührenpflichtig (14.03.2012, 16:02)
    Lüneburg (jur). Wird ein Auto nicht nur privat genutzt, werden für das Autoradio gesonderte Rundfunkgebühren fällig. Das gilt auch, wenn der Wagen nur für gelegentliche Geschäftseinkäufe verwendet wird, wie das Niedersächsische...
  • Bild„Mut-mach-Tour" feiert Bergfest im Rathaus Hannover (22.06.2011, 14:11)
    HANNOVER. Am siebten Tag der „Mut-mach-Tour" und nach dem Absolvieren der ersten Hälfte der insgesamt mehr als 700 km von Meppen nach Berlin, macht Werner Rehberg Station in Hannover. Bis zum Erreichen der Landeshauptstadt hat ihm die Rudertour...
  • BildBVerfG: T-Shirt mit Aufdruck "die Fahnen hoch" ist verbotenes Kennzeichen (25.06.2009, 10:44)
    Verfassungsbeschwerde gegen Verurteilung wegen Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen erfolglos Der Beschwerdeführer ist Mitglied der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD). Vor einer Parteiversammlung der NPD...
  • BildDAV: Sportler sollen bei Olympia Meinung frei äußern können (15.04.2008, 17:42)
    Berlin (DAV). Mit Sorge haben die in der Arbeitsgemeinschaft Sportrecht des Deutschen Anwaltvereins (DAV) organisierten Sportrechtsanwälte die in diesen Tagen offenkundig gewordene "Krise der olympischen Bewegung" (so IOC-Präsident Jacques Rogge)...
  • BildDAV: Erinnerung an die durch den Nationalsozialismus umgekommenen Rechtsanwälte ... (28.11.2006, 16:56)
    Erinnerung an die durch den Nationalsozialismus umgekommenen Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte - Einweihung des Mahnmals am 29. Januar 2007, 15:30 Uhr - Vorankündigung - Sehr geehrte Damen und Herren, der Deutsche Anwaltverein (DAV) möchte...
  • BildDAV weiterhin gegen den Großen Lauschangriff (16.06.2005, 14:18)
    Berlin (DAV). Mit Enttäuschung nimmt der Deutsche Anwaltverein (DAV) zur Kenntnis, dass die Politik nicht den Mut gehabt hat, den Großen Lauschangriff gänzlich fallen zu lassen. Jedes abhören sei immer ein Eingriff in die Persönlichkeitsrechte und...
  • BildAuch krankhafte Magersucht kann MPU rechtfertigen (05.11.2004, 15:37)
    STADE (DAV). Auch eine krankhafte Magersucht kann - ebenso wie Alkohol- oder Drogenkonsum - dazu führen, dass sich ein Autofahrer einer medizinisch-psychologischen Untersuchung (MPU) unterziehen muss. Dies ergibt sich aus einem Urteil des...

Ähnliche Themen in den JuraForen


Kommentar schreiben

90 - S__echs =
Ja, ich habe die Datenschutzerklärung gelesen.
* Pflichtfeld

Bisherige Kommentare zur Nachricht (0)

(Keine Kommentare vorhanden)



Fragen Sie einen Anwalt!
Anwälte sind gerade online.
Schnelle Antwort auf Ihre Rechtsfrage.

JuraForum-Newsletter

Kostenlose aktuelle Urteile und Rechtstipps per E-Mail:

Top 10 Orte in der Anwaltssuche

JuraForum-Suche

Durchsuchen Sie hier JuraForum.de nach bestimmten Begriffen:

© 2003-2018 JuraForum.de — Alle Rechte vorbehalten. Keine Vervielfältigung, Verbreitung oder Nutzung für kommerzielle Zwecke.