2. Männerkongress: „Wir müssen sensibler werden für die Bedürfnisse von Kindern und Vätern“

22.09.2012, 17:10 | Wissenschaft | Autor: | Jetzt kommentieren


Rund 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz besuchten den zweiten wissenschaftlichen Männerkongress an der Heinrich-Heine-Universität. Zwei Tage lang beschäftigten sie sich unter dem Motto „Scheiden tut weh“ mit den gesundheitlichen Auswirkungen von Trennung und Scheidung auf Jungen und Väter. Ziel der Tagung war es, dazu beizutragen, die Beteiligung auch der Väter an elterlichen Scheidungs- und Trennungskonflikten und die damit oft verbundenen leidvollen Folgen auch für die betroffenen Kinder in Wissenschaft, Öffentlichkeit und helfenden Berufen wieder in den Mittelpunkt zu rücken.

Die Teilnehmer verabschiedeten folgende Thesen mit Forderungen auch an die Politik:
- Um den Bedürfnissen aller Betroffenen eines Trennungskonfliktes gerecht zu werden, sind ideologiefreie Hilfen in staatlich finanzierten Konfliktberatungsstellen für Männer, Frauen und Kinder notwendig.
- Die politische Dimension der derzeitigen „Vaterentwertung“ sollte in den Blick genommen werden.
- Die deutlich erhöhten gesundheitlichen Risiken von Jungen nach der elterlichen Trennung müssen thematisiert, wirkungsvolle Instrumente für ihre Behandlung entwickelt werden.
- In Schulen und Kindertageseinrichtungen sollte eine Männerquote eingeführt werden. Da Jungen besonders unter der Diskontinuitätserfahrung in der Primärfamilie leiden, sollten wenigstens in Schule und Kindergarten intensive Wertschätzung und Unterstützung sowie Beziehungs- und Identifikationserfahrungen mit „sozialen Vätern“ möglich sein.
- Um Trennungsfolgen angemessen zu bewerten, sollte man Vater-Mutter-Kind(er)-Familien, Einelternfamilien und Patchwork-Familien unvoreingenommen daraufhin untersuchen, was sie jeweils sowohl zur Entstehung der Trennungsproblematik wie zu ihrer Lösung beitragen. Dabei müssen jedoch die Erfahrungen und Bedürfnisse der Kinder stärker beachtet werden als normative Konzepte.
- Eltern sollten vom Staat mehr Zeit und Geld für die Erziehung ihrer Kinder einfordern. Gerade unter den verunsichernden Bedingungen einer Trennung sollte die haltgebende Präsenz der primären Bindungspersonen – Mutter und Vater – erhalten bleiben.
- Die Gesetzgebung hat im Bereich Trennung/Scheidung für die beteiligten Professionen einen veränderten Auftrag formuliert: Es geht nicht mehr darum, den besser geeigneten Elternteil zu finden, sondern darum, die kindliche Beziehung zu beiden Eltern zu erhalten. Diese Umorientierung wird vom Gesetzgeber in Bezug auf die Rechte nicht-ehelicher Väter und von vielen Familiengerichten bei Konflikten in der Beziehungsgestaltung des Kindes zum nicht betreuenden Elternteil noch nicht konsequent eingelöst. Dadurch entsteht bei hochstrittigen Eltern ein Spielraum für lang anhaltende Auseinandersetzungen mit jeweils offenem Ausgang.
- In behördlichen und gerichtlichen Verfahren muss eine geeignete Vertretung des betroffenen Kindes oder Jugendlichen ermöglicht werden.
- Im Kontext von Trennung und Scheidung besteht häufig eine Benachteiligung von Vätern. Das führt immer wieder zu einem Zustand „psychologischer Ungleichheit“ im Rahmen „rechtlicher Gleichheit“, den verstärkt Männer aushalten müssen. Der daraus resultierende Elternstreit ist der mit Abstand größte Belastungsfaktor für Trennungskinder.
- Hochstrittige Eltern stellen deshalb die Beratungsdienste vor neue Herausforderungen. Dieses Phänomen gilt es zu verstehen, angemessene Haltungen und Interventionsformen müssen entwickelt werden.
- Im Interesse einer spannungsarmen Nachtrennungsfamilie muss frühestmöglich (psychologische) Parität zwischen Müttern und Vätern hergestellt werden. Das betrifft Betreuung, Versorgung und Lebensmittelpunkt der Kinder. Dafür ist das „Wechselmodell“ der beste Rahmen, von psychologisch gut begründbaren Ausnahmen abgesehen. Dahin zu gelangen, verlangt ein lösungsorientiertes Vorgehen auf allen professionellen Ebenen, Begutachtung eingeschlossen.
- Angesichts der demografischen Trends muss die Trennungsfolgenforschung in Deutschland intensiver betrieben und existierende praxistaugliche Unterstützungsprogramme (Elterntrainings, Interventionen für Kinder) müssen breitenwirksam angeboten werden.
- Jede frühe Hilfe ist wirksamer und kostengünstiger als jede späte Hilfe.
- Unsere Städte sind so arm, dass wir uns nicht leisten können auf Prävention zu verzichten.

Im Fokus des zweiten wissenschaftlichen Männerkongresses stand die Diskussion über die Ursachen und Folgen konflikthafter Trennungen besonders aus Sicht der betroffenen Männer und Jungen. Ziel war es, die Fakten zu klären, Risiken aber auch Chancen zu benennen und Perspektiven zur Verständigung und Konfliktlösung in den Blick zu nehmen. Die Beteiligung beider Partner an Scheidungs- und Trennungskonflikten wurde in den Mittelpunkt gerückt, um so aus der stereotypen Aufteilung in Opfer und Täter einer Trennung herauszufinden.
Der Veranstalter der Tagung, Prof. Dr. Matthias Franz, erklärte abschließend: „Das Ende jeder Liebesbeziehung und die Trennung ist für alle Betroffenen ein schmerzliches Ereignis. Nicht selten rührt es an den Kern der eigenen Identität und führt zu heftigsten emotionalen Erschütterungen. Für mitbetroffene Kinder ist die elterliche Trennung mit tiefgreifenden Verunsicherungen und erheblichen Entwicklungsrisiken verbunden. Wenn sie hochstrittig abläuft kommt das im Erleben vieler – besonders noch kleiner - Kinder einem Weltuntergang gleich. Wir brauchen deshalb mehr Sensibilität für das Erleben dieser Kinder.“ Und fügte selbstkritisch hinzu: „Auch wir Ärzte und Psychotherapeuten müssen den sich verschließenden Männern in Trennungssituationen mit größerer Aufmerksamkeit und Hilfsangeboten begegnen.“

Quelle: idw


Jetzt Rechtsfrage stellen
Weitere Nachrichten zum Thema
  • BildAnhörung von Kindern im Sorgerechtsstreit notwendig (15.08.2016, 16:52)
    Karlsruhe (jur). Getrennt lebende, nicht verheiratete Eltern müssen grundsätzlich zusammen das gemeinsame Sorgerecht für ihr Kind ausüben. Nur wenn konkrete Tatsachen vorliegen, dass das Kindeswohl gefährdet ist, kann der alleinigen Sorge durch...
  • BildReligionsunterricht verursacht keinen Schaden bei konfessionslosen Kindern (18.04.2013, 15:11)
    Köln (jur). Nehmen konfessionslose Erstklässler am Religionsunterricht teil, nehmen sie dabei keinen Schaden. Der Religionsunterricht dient vielmehr der Wissensvermittlung und ermöglicht es den Kindern, später selbst über die Zugehörigkeit zu...
  • BildKein Umgangsrecht für Neonazi mit seinen Kindern (29.01.2013, 11:31)
    Karlsruhe (jur). Neonazis müssen gegebenenfalls auf das Umgangsrecht mit ihren Kindern verzichten. Die Sicherheit der Mutter und die psychische Unversehrtheit der Kinder gehen vor, wie das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe in einem aktuell...
  • BildViele Kinder wünschen sich mehr Zeit mit ihren Vätern (27.08.2012, 10:54)
    Berlin, 27. August 2012 - Mehr Zeit mit den Vätern wünscht sich ein gutes Viertel der Kinder in Deutschland. Das ist ein Ergebnis des LBS- Kinderbarometers 2012, das regelmäßig 9- bis 14-Jährige zu Wort kommen lässt. Die Vorlieben sind dabei...
  • BildDaueraufenthaltserlaubnis für Ausländerin mit deutschen Kindern (17.08.2011, 09:20)
    Einer Ausländerin darf die Erlaubnis zum Daueraufenthalt zur Ausübung der Personensorge für ihre minderjährigen deutschen Kinder (Niederlassungserlaubnis) auch dann erteilt werden, wenn sie aus ihren Einkünften zwar den eigenen Lebensunterhalt...
  • BildJustizministerium hilft Kindern in Kaliningrad (11.03.2011, 08:27)
    Ministerialdirigent Peter Kamp hat am 10 März 2011 in Vertretung des kurzfristig verhinderten Justizministers Thomas Kutschaty dem Verein "Kinder sind unsere Zukunft" einen ausgesonderten VW-Transporter als Spendenfahrzeug übergeben. Die...
  • BildUmgangsverbot mit Kindern für ehemaligen Sexualtäter nach Polizeirecht? (04.11.2009, 10:37)
    Weil ein mehrfach wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern vorbestrafter Mann wiederum Kontakt zu Kindern in der Altersgruppe, die er in der Vergangenheit für die Begehung seiner Straftaten bevorzugte, suchte, verbot ihm das Polizeipräsidium...
  • BildStatistik: Höhere Teilzeitquoten von Müttern und Vätern (20.10.2009, 11:45)
    Beitrag Nr. 168989 vom 20.10.2009 Statistik: Höhere Teilzeitquoten von Müttern und Vätern Immer mehr Erwerbstätige mit Kindern gehen einer Teilzeitbeschäftigung nach: Besonders erhöht hat sich innerhalb der letzten Dekade die Teilzeitquote von...
  • BildUnterhaltsforderungen von Kindern international leichter durchsetzbar (27.11.2007, 09:22)
    Haager Konferenz: Künftig können Kinder ihren Unterhalt leichter einfordern, wenn sich der Unterhaltsschuldner im Ausland aufhält. 50 Staaten haben sich gestern auf ein neues Übereinkommen verständigt, wonach Kinder bei der Durchsetzung ihrer...
  • BildÄnderung im Schadensersatzrecht I.: Verbesserte Stellung von Kindern im Straßenverkeh (05.11.2004, 11:52)
    Berlin (DAV). Am 01. August 2002 tritt das Schadensersatzrechtsänderungsgesetz in Kraft. Damit wird die Stellung von Kindern im Straßenverkehr erheblich verbessert. Zukünftig kann Kindern bis zu 10 Jahren kein Mitverschulden mehr entgegen gehalten...

Ähnliche Themen in den JuraForen


Kommentar schreiben

59 - Ac;_ht =
Ja, ich habe die Datenschutzerklärung gelesen.
* Pflichtfeld

Bisherige Kommentare zur Nachricht (0)

(Keine Kommentare vorhanden)



Jetzt Rechtsfrage stellen

JuraForum-Newsletter

Kostenlose aktuelle Urteile und Rechtstipps per E-Mail:

Top 10 Orte in der Anwaltssuche

JuraForum-Suche

Durchsuchen Sie hier JuraForum.de nach bestimmten Begriffen:

© 2003-2018 JuraForum.de — Alle Rechte vorbehalten. Keine Vervielfältigung, Verbreitung oder Nutzung für kommerzielle Zwecke.