Sachverständigengutachten zur Restwertermittlung eines Unfallwagens ausreichend

30.11.2016, 15:28 | Verkehrsrecht | Jetzt kommentieren


Sachverständigengutachten zur Restwertermittlung eines Unfallwagens ausreichend
Karlsruhe (jur). Autofahrer, die nach einem unverschuldeten Unfall ihren Wagen durch ein anderes Fahrzeug ersetzen wollen, können ihren Unfallwagen zum örtlichen Marktpreis verkaufen. Ein entsprechendes Sachverständigengutachten reicht aus, wie der Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe in einem am Dienstag, 29. November 2016, veröffentlichten Urteil entschied (Az.: VI ZR 673/15). Danach müssen die Autofahrer nicht noch eigne Marktforschung betreiben oder abwarten, ob vielleicht doch noch ein höherer Preis zu erzielen ist.

Im konkreten Fall war der Wagen eines Autofahrers aus dem Münsterland bei einem von ihm unverschuldeten Unfall zu Schaden gekommen. Der Mann wollte den Wagen nicht reparieren lassen, sondern durch ein anderes Fahrzeug ersetzen. Er gab daher bei einem Sachverständigen ein Gutachten in Auftrag; danach hatte der Unfallwagen noch einen Wert von 10.750 Euro. Der Widerbeschaffungswert ohne Unfall hätte 27.800 Euro betragen.

Gegnerische Unfallversicherung weicht vom Gutachten ab

Der Mann informierte die Versicherung des Unfallgegners, die LVM, über die Schätzung und verkaufte dann das Auto für 11.000 Euro. Zwei Tage später legte die LVM dem Autofahrer ein verbindliches Angebot eines nicht ortsansässigen Kaufinteressenten über 20.090 Euro vor. Auf dieser Basis rechnete die LVM den Schaden ab.

Mit seiner Klage verlangt der Autofahrer weitere 9.090 Euro – die Differenz zwischen dem angerechneten Verkaufspreis von 20.090 Euro und dem tatsächlichen Verkaufserlös von 11.000 Euro.

Versicherung muss Verkehrswertgutachten berücksichtigen

Der BGH gab der Klage nun statt. Wenn ein Autofahrer sich nach einem Unfall entscheide, statt einer Reparatur den Schaden durch ein Ersatzfahrzeug zu beheben, müsse die gegnerische Versicherung die Differenz zwischen Wiederbeschaffungswert und Restwert erstatten. Dabei müsse der Autofahrer zwar wirtschaftlich handeln und sich insbesondere beim Verkauf des beschädigten Fahrzeugs „im Rahmen der wirtschaftlichen Vernunft halten“.

Das sei aber erfüllt, wenn der Autofahrer ein Sachverständigengutachten in Auftrag gibt und den Unfallwagen dann zu dem „als Wert auf dem allgemeinen regionalen Markt“ ermittelten Preis verkauft. Zu eigener Marktforschung sei der Autofahrer ebenso wenig verpflichtet wie zur Berücksichtigung „räumlich entfernter Interessenten“.

Im konkreten Fall habe der Autofahrer seinen Unfallwagen daher für 11.000 Euro verkaufen dürfen, und die LVM-Versicherung müsse den Schaden auch mit diesem Verkaufserlös abrechnen, so der BGH.

Mit seinem jetzt schriftlich veröffentlichten Leitsatzurteil vom 27. September 2016 führte der BGH seine bisherige Rechtsprechung fort. Es gebe keinen Anlass, insbesondere von der Berücksichtigung lediglich des regionalen Marktes abzurücken.


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