Nachträgliche Anerkennung einer Berufskrankheit möglich

06.07.2018, 08:22 | Recht & Gesetz | Jetzt kommentieren


Nachträgliche Anerkennung einer Berufskrankheit möglich
Darmstadt (jur). Neue medizinische Erkenntnisse über das erhöhte Krebsrisiko von Gefahrenstoffen auf der Arbeit können auch Jahrzehnte nach dem Ausscheiden aus dem Beruf noch zur Anerkennung einer Berufskrankheit führen. Dies hat das Hessische Landessozialgericht (LSG) in Darmstadt in einem am Mittwoch, 4. Juli 2018, bekanntgegebenen Urteil betont und die Blasenkrebs-Erkrankung eines Rauchers und früheren Arbeiters in der Gummiindustrie als Berufskrankheit anerkannt (Az.: L 3 U 129/13).

Der 59-jährige Mann führte seine Krebserkrankung auf seine Tätigkeit in der Gummifertigung in den Jahren 1984 bis 1986 zurück. Während seiner 14-monatigen beruflichen Tätigkeit verarbeitete er das Alterungsschutzmittel Phenyl-2-Napthylamin (P2NA) und dem darin enthaltenen 2-Naphtylamin. Der Gefahrenstoff wird industriell mittlerweile wegen der krebserregenden Wirkung nur noch selten verwendet.

Anerkennung als Berufskrankheit zunächst abgelehnt

Im Alter von 41 Jahren wurde bei dem Kläger ein Blasentumor festgestellt. Die Berufsgenossenschaft lehnte die Anerkennung als Berufskrankheit ab. So viel 2-Naphtylamin habe er gar nicht aufgenommen. Außerdem sei er Raucher. Bei ihm lägen zwölf „Packungsjahre“ vor. Danach hat er durchschnittlich zwölf Jahre lang 20 Zigaretten täglich geraucht. Wahrscheinlich habe der Zigarettenkonsum zu der Krebserkrankung geführt.

Vor den Sozialgerichten hatte der Mann zunächst keinen Erfolg. Die Anerkennung als Berufskrankheit wurde rechtskräftig abgelehnt.

Ursache durch Überprüfungsantrag bestätigt

2011 stellte er jedoch einen Überprüfungsantrag, da neue medizinische Erkenntnisse über das hohe Krebsrisiko bei Kontakt mit 2-Naphthylamin vorlagen. In dem Berufskrankheiten-Report 1/2014 wurde zudem das Krebsrisiko beim Menschen nach Aufnahme des Gefahrenstoffs im Körper als „deutlich erheblicher“ eingestuft, als bislang angenommen.

Das LSG gab dem Kläger in seinem Urteil vom 19. Juni 2018 nun doch noch recht. Nach aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen sei das Krebsrisiko deutlich höher als bislang angenommen. So könne bereits eine mehrmonatige berufliche Einwirkung mit dem Gefahrenstoff Blasenkrebs verursachen - und zwar auch bei einem Raucher.

LSG lässt Revision zum Bundessozialgericht zu

Auch wenn nicht mehr festgestellt werden könne, wie viel 2-Naphthylamin der Kläger in den 80er-Jahren aufgenommen hat, sei „nicht von einer nur geringen Menge auszugehen“, urteilte das LSG. Zwar habe der Tabakkonsum ebenfalls zu einem erhöhten Krebsrisiko geführt. Dieses außerberufliche Risiko sei aber „nicht überragend“ gewesen, zumal der Kläger nur mäßig geraucht habe. Das LSG hat die Revision zum Bundessozialgericht zugelassen.

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