War Homosexualität in Deutschland mal strafbar?

Autor: , verfasst am 05.03.2015, 07:39| 1 Kommentar

Heutzutage ist es etwas völlig Normales, wenn ein gleichgeschlechtliches Pärchen zusammen gesehen wird. Kaum ein Mensch kümmert sich darum, ob ein Mann einen anderen Mann küsst oder zwei Frauen händchenhaltend durch die Straßen schlendern. Auch eine Ehe zwischen Personen gleichen Geschlechts ist genauso normal wie ein Lebensbund zwischen Heterosexuellen. Aber war das schon immer so, dass Lesben und Schwule nicht als Exoten angesehen werden? Oder war Homosexualität in Deutschland mal strafbar?

Gesetz (© M. Schuppich - Fotolia.com)
Gesetz
(© M. Schuppich - Fotolia.com)

Was ist der Paragraph 175?

Im Reichsstrafgesetzbuch wurde im Jahre 1872 eine gesetzliche Regelung verankert, welche bis Ende des 20. Jahrhunderts für Homosexuelle von Bedeutung sein sollte: § 175 StGB, der auch unter der Bezeichnung „Schwulenparagraph“ bekannt war. Dort hieß es: „Widernatürliche Unzucht, welche zwischen Personen männlichen Geschlechts oder von Menschen mit Thieren begangen wird, ist mit Gefängniß zu bestrafen; auch kann auf Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte erkannt werden." Wenn ein Mann also sexuelle Handlungen mit einem anderen Mann beging, wurde dies als „widernatürliche Unzucht“ bezeichnet und unter Strafe gestellt (gleichgeschlechtlicher Sex unter Frauen wurde nicht erwähnt). Dennoch konnten viele Männer ihren Neigungen nicht widerstehen: bis im Jahre 1918 das Kaiserreich zusammenbrach, wurden fast 10.000 Männer aufgrund ihrer homosexuellen Handlungen verurteilt.

Als dann die Weimarer Republik bestand, gab es erste Stimmen, die sich für eine Lockerung dieser gesetzlichen Regelung stark machten und forderten, dass die Homosexualität nicht mehr als strafbare Handlung angesehen werden sollte. Doch diese Stimmen blieben ungehört – in den folgenden Jahren sollten sich die Strafen für Homosexualität sogar noch verschärfen…

Homosexualität im Nationalsozialismus

Im Jahre 1935 wurde der § 175 StGB extrem verschärft: nicht nur, wenn ein homosexuelles Paar inflagranti ertappt wurde, stellte dies eine Straftat dar: schon alleine der Verdacht, dass ein Mann mit einem anderen Mann Geschlechtsverkehr haben könnte, reichte aus, um ihn als Schwulen zu bezeichnen und somit ins Gefängnis zu bringen – und zwar für sehr lange. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde Homosexualität mit einer Gefängnisstrafe zwischen einem Jahr und 10 Jahren geahndet. Alternativ wurden die Männer in ein Konzentrationslager gesteckt. Schätzungen zufolge wurde alleine in den Jahren 1935 bis 1945 mehr als 50.000 Männer aufgrund ihrer sexuellen Neigungen inhaftiert und mehr als 15.000 in Konzentrationslager gebracht, von denen ein Großteil dort ermordet worden ist. Eine regelrechte Hetzjagd auf Gleichgeschlechtliche war während dieser Zeit im Gange.

Homosexualität in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Situation für Homosexuelle in Deutschland nicht wesentlich besser: zwar wurden sie nicht mehr verfolgt, jedoch wurde den Überlebenden der Homosexuellenverfolgung der NS-Zeit die Anerkennung als Opfer versagt. Auch hatte der § 175 StGB weiterhin Gültigkeit, was dazu führte, dass den homosexuellen Männern nach wie vor eine Haftstrafe drohte.

Im Jahre 1957 wies das Bundesverfassungsgericht eine Klage gegen den § 175 StGB zurück. Begründet wurde dies damit, dass die Bestimmungen dieses Paragraphen weder formal noch inhaltlich nationalsozialistisch geprägt seien; auch verstoße dieses Gesetz nicht gegen das Grundrecht gemäß Art. 2 GG auf freie Entfaltung der Persönlichkeit. So hatten auch in der Nachkriegszeit homosexuelle Männer nur die Alternativen, entweder ihre sexuelle Orientierung zu verheimlichen oder ins Gefängnis zu gehen. In der DDR hingegen hatte der § 175 StGB zwar ebenfalls Bestand, jedoch wurde er seit dem Jahre 1957 kaum noch angewendet. 1968 wurde er sogar ganz aus dem Strafgesetzbuch der DDR gestrichen, jedoch durch einen anderen ersetz, welcher homosexuelle Handlungen an Jugendlichen unter Strafe stellte.

Ab 1969 wurde die Homosexualität langsam legalisiert

In Folge der 68-Bewegung wurden die Menschen lockerer, auch in sexueller Hinsicht. Homosexuelle organisierten sich bundesweit zu einer Homosexuellenbewegung, in der sie die Legalisierung ihrer sexuellen Orientierung forderten. Während dies in anderen europäischen und außereuropäischen Ländern auch tatsächlich passierte, wurde in Deutschland lediglich der § 175 StGB gelockert: mit der Novellierung des Strafgesetzbuches im Jahre 1969 wurde es nicht mehr als Strafbare Handlung angesehen, wenn erwachsene Männer, die über 21 Jahre alt waren, Geschlechtsverkehr miteinander hatten. Im Jahre 1973 wurde dieses Alter auf 18 herabgesetzt.

Seit wann ist Homosexualität in Deutschland keine Straftat mehr?

Auch, wenn er extrem gelockert worden war: der Paragraph 175 StGB fand in Deutschland weiterhin Anwendung. Erst im Jahre 1994 wurde er endgültig aus dem Strafgesetzbuch gestrichen. Dennoch dauerte es acht weitere Jahre, bis jene Männer, welche während des NS-Regimes als Homosexuelle verurteilt worden waren, vom Bundestag juristisch rehabilitiert worden sind.

Schlagwörter: Homosexualität, Paragraph 175


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Bisherige Kommentare zum Ratgeber (1)

Helmut Ladwig  (05.03.2015 11:58 Uhr):
Danke für diesen zwar knappen, aber doch recht aufschlussreichen rechtshistorischen Abriss. Mir fehlt allerdings noch ein wichtiger Aspekt: Zur juristischen Aufarbeitung eines Missstandes gehört nicht nur die "juristische Rehabilitation", dazu gehört mittlerweile auch zumindest der Versuch, erlittenes Unrecht finanziell wieder gut zu machen. Bis heute ist hier wenig bis gar nichts geschehen - soweit ich weiß. In der Politik wartet man offenbar lieber so lange ab, bis auch das letzte 175-Opfer unter der Erde ist. Spart auch Geld.





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