Fremde Autoreifen/Fahrradreifen: ist Luft ablassen strafbar?

Autor: , verfasst am 03.02.2015, 07:07| 2 Kommentare

Wer ist nicht schon einmal auf die Idee gekommen, einem anderen die Luft aus den Reifen seines Fahrrades – oder gar Autos  - zu lassen? Der Gedanke ist einfach zu verlockend, doch was eigentlich ein harmloser Streich sein sollte, kann ganz schnell vor dem Gericht enden. Bevor man sich also auf den Weg macht, um fremde Reifen platt zu machen, sollte man sich erst einmal eingehend mit der Frage beschäftigen: ist Luft aus fremden Reifen ablassen strafbar?

Reifen (© gavioneta - Fotolia.com)
Reifen
(© gavioneta - Fotolia.com)

„Was für eine strafbare Handlung soll denn das Ablassen darstellen?“, wird sich so mancher fragen. Diebstahl von Reifenluft? Doch so lächerlich, wie die Frage nach der Strafbarkeit dieses Deliktes auch klingen mag: eine derartige Handlung ist weder für den betroffenen Rad- beziehungsweise Autofahrer, noch für den Täter lustig, denn das Ablassen von Luft aus fremden Reifen kann eine Sachbeschädigung gemäß § 303 StGB darstellen:

  1. „Wer rechtswidrig eine fremde Sache beschädigt oder zerstört, wird mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

  2. Ebenso wird bestraft, wer unbefugt das Erscheinungsbild einer fremden Sache nicht nur unerheblich und nicht nur vorübergehend verändert.

  3. Der Versuch ist strafbar.“

Nun ist es jedoch nicht so, dass jedes Luftablassen gleichermaßen zu beurteilen ist; vielmehr kommt es auf die individuellen Umstände an.

  • Wie weit liegt eine Beeinträchtigung des Gebrauchs vor?

  • Kann diese Gebrauchsbeeinträchtigung mit wenigen Handgriffen wieder beseitigt werden?

  • Oder ist sie als „erheblich“ zu bezeichnen?

Vereinfacht gesagt:

  • Wie viel Luft wurde abgelassen?

  • Wie viele Reifen sind betroffen?

  • Wie leicht ist es für den Besitzer des betroffenen Fahrzeugs, seine Reifen wieder aufzufüllen?

 

Die Gebrauchsbeeinträchtigung ist in jedem Fall immer dann vorhanden, wenn der beziehungsweise die betroffenen Reifen nicht mehr bestimmungsgemäß genutzt werden können, was bei einem kompletten Luftablassen der Fall ist. Dies ist sowohl bei Autoreifen als auch bei Fahrradreifen gegeben. Die Rechtsprechung denkt darüber jedoch anders: das Oberlandesgericht Düsseldorf sieht die Brauchbarkeit eines Fahrradreifens nicht alleine durch die Tatsache gemindert, dass er Luft verloren hat, sondern lediglich seine Gebrauchsbereitschaft [OLG Düsseldorf, 06.06.1957, 1 Vs 2/7]. Dies alleine reiche jedoch nicht aus, um den Tatbestand der Sachbeschädigung zu erfüllen.

Wie viel Mühe aufgewendet werden muss, um den gebrauchsfertigen Zustand der Reifen wiederherzustellen, ergibt sich zum Beispiel aus der Tatsache, ob eine Tankstelle in der Nähe ist, die schnell zu erreichen ist, und an der wieder Luft aufgefüllt werden kann. Derartige Fälle werden anders beurteilt als solche, in denen das beschädigte Fahrzeug in einem Waldgebiet kilometerweit von der nächsten Tankstelle entfernt steht.

Als „erheblich“ wird beispielsweise auch angesehen, wenn aus allen vier Reifen eines Autos die Luft abgelassen wird. Das Fahrzeug ist dadurch erheblich in seinem Gebrauch beeinträchtigt – sprich: kann nicht mehr gefahren werden -, so dass eine Sachbeschädigung und somit eine strafbare Handlung vorliegt [BGH, 14.07.1959, 1 StR 296/59]. Gemäß dem BGH solle „das Ablassen der Luft nur aus einem Reifen eines PKW dann keine Sachbeschädigung darstellen, wenn dem Fahrer ein Reserverad zur Verfügung steht oder die zur Wiederherstellung der Gebrauchsfähigkeit erforderliche Tätigkeit so geringfügig ist, dass sie weder Zeitaufwand noch körperliche Anstrengung erfordert“.

Bevor sich jemand auf den Weg macht, um fremde Reifen zu plätten, sollte er sich jedoch nicht nur über eine mögliche Strafbarkeit, sondern noch etwas ganz anderes Gedanken machen: Folgeschäden, die aufgrund eines zu platten Reifens entstehen könnten. Es ist ja nicht immer so, dass jeder Autofahrer immer vor Fahrtantritt sein Fahrzeug dahingehend kontrolliert, wie viel Luft sich in den Reifen befindet. Leicht kann es also passieren, dass ein zu gering gefüllter Autoreifen während der Fahrt platzt und es zu einem Unfall kommt. Geschieht so etwas aufgrund eines eigentlich witzig gemeinten Streichs, wird sich kaum noch einer finden, der darüber lachen kann.

Schlagwörter: Sachbeschädigung, Reifen luft,


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Bisherige Kommentare zum Ratgeber (2)

Morawetz  (12.10.2015 07:12 Uhr):
Heute in der Welt.de (12.10.15) "Rundfunkgebühr nicht bezahlt, platter Reifen droht" http://www.welt.de/vermischtes/article147458993/Rundfunkgebuehr-nicht-bezahlt-Platter-Reifen-droht.html Auszug: Mit sogenannten aktiven Ventilwächtern wird das Autoventil eines säumigen GEZ-Zahlers versehen. Es werden am PKW Warnhinweise bezüglich der Benutzung des Fahrzeuges angebracht. Sollte dennoch damit gefahren werden, geht nach spätestens 600 m die Luft raus. Hat man sich damit schon einmal in strafrechtlicher Hinsicht beschäftigt? Sachbeschädigung, Gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr..? Angeblich wird diese Methode der Vollstreckung seit 10 Jahren erfolgreich praktiziert.
sandi  (02.10.2015 13:33 Uhr):
tja, wir fuhren vom urlaub heim und ich wunderte mich mit 180 km/h über das schlingern des autos. Auf einer Seite waren vorne 1,2 und hinten 0,9 bar noch drin. Und unsere Scheibenwischer wurden in der NACHT von einem Witzbold hochgestellt. Wenn da ein Reifen geplatzt wäre, das sind für mich einfach A... löcher, tut mir leid. Das grenzt für mich an versuchtem Totschlag. Warum: Wenn ich Luft rauslasse, dann ganz. Dann sieht es der andere, aber halb die Luft rauslassen... geht gar gar nicht.





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