Zugverspätung: Ist Erstattung oder Entschädigung möglich?

Autor: , verfasst am 23.05.2016, 09:12| 1 Kommentar

Inwieweit haben Fahrgäste bei einer Zugverspätung einen Anspruch auf Erstattung oder Entschädigung? Und gilt dies auch bei Pendlern im Nahverkehr? Dies erfahren Sie in dem folgenden Ratgeber.

Zugverspätung: Fahrgast wartet auf seinen Zug (© fizkes / fotolia.com)
Zugverspätung: Fahrgast wartet auf seinen Zug
(© fizkes / fotolia.com)

Viele Fahrgäste ärgern sich darüber, dass gerade bei Zügen Verspätungen oder gar Zugausfälle an der Tagesordnung sind. Doch hier sind Sie nicht rechtlos. Möglicherweise steht Ihnen ein Anspruch auf Erstattung oder Entschädigung zu. Dies ergibt sich aus der Verordnung EG Nr. 1371/2007 DES EUROPÄISCHEN PARLAMENTS UND DES RATES vom 23. Oktober 2007 über die Rechte und Pflichten der Fahrgäste im Eisenbahnverkehr. Diese Entschädigungsansprüche stehen Fahrgästen nicht nur bei Fernreisen, sondern auch im Nahverkehr zu. Darüber hinaus hat sich die Deutsche Bahn zu weiteren Leistungen verpflichtet, die in den sogenannten Fahrgastrechten nachgelesen werden können.

Die Höhe der in der Verordnung EG Nr. 1371/2002 geregelten Entschädigung richtet sich danach, mit welcher Verspätung der Zug am Ziel eintrifft. Bei einer Verspätung von mindestens einer Stunde sollten Fahrgäste sich nicht mit Almosen abspeisen lassen. Hier steht ihnen gewöhnlich ein Anspruch auf Entschädigung in Höhe von 25% des Fahrpreises zu. Sofern Sie noch länger auf Ihren Zug warten müssen, steht Ihnen normalerweise ab einer Verspätung von mindestens zwei Stunden am Ziel eine Entschädigung in Höhe von 50% des Fahrpreises zu. Dies ergibt sich aus Art. 17 der Verordnung EG Br. 1371/2007.

Sofern eine Verspätung von mehr als einer Stunde angekündigt wird, haben Fahrgäste gewöhnlich die Wahl. Sie können entweder die Fahrt antreten und nachträglich die Erstattung des Fahrpreises in Höhe von 25% oder bei einer Verspätung von mindestens zwei Stunden von 50% des Fahrpreises fordern. Oder sie verzichten auf eine Fahrt mit der Deutschen Bahn und verlangen den Fahrpreis in vollständiger Höhe zurück.

Lediglich pauschale Entschädigung bei einigen Tickets

Dies gilt allerdings nicht bei Kunden eines Zeittickets der Deutschen Bahn oder eines Verkehrsverbundes im Nahverkehr sowie bei einer Mobility BahnCard 100. Hier haben Fahrgäste nur Anspruch auf Zahlung einer pauschalen Entschädigung, deren Höhe nicht in der EU-Verordnung festgelegt worden ist. Die Höhe beträgt bei der Deutschen Bahn laut den Fahrgastrechten beim wiederholten Mal 1,50 Euro pro Fall in der zweiten Klasse. In der ersten Klasse beläuft sich die Pauschale beim wiederholten Mal 2,25 Euro pro Fall. Hier sollten Fahrgäste sammeln. Die Entschädigung ist allerdings auf insgesamt 25% des Wertes der jeweiligen Karte begrenzt.

Fahrpreiserstattung auch bei höherer Gewalt

Wichtig ist, dass Fahrgäste in den bereits genannten Fällen auch dann einen Anspruch auf Erstattung des Fahrpreises haben, wenn die Zugverspätung auf höherer Gewalt oder vergleichbaren Umständen – wie vor allem einem Streik – beruht. Dies ergibt sich aus einer Entscheidung des europäischen Gerichtshofes (EuGH) vom 26.09.2013 Az. C-509/11.

Entschädigung bei Nutzung anderer Verkehrsmittel

Fahrgäste haben normalerweise einen Anspruch auf Ersatz der Kosten für die Benutzung eines Taxis oder anderen Verkehrsmittels, wenn die Verspätung mindestens 1 Stunde beträgt und die Ankunft zwischen 0 und 5 Uhr morgens vorgesehen war. Der Ersatz der Kosten ist dann allerdings auf maximal 80 Euro begrenzt.

Ersatz der Übernachtungskosten

Schließlich können Fahrgäste unter Umständen Ersatz der Übernachtungskosten verlangen. Dies setzt allerdings voraus, dass eine Übernachtung „erforderlich“ ist oder die Reise am selben Tag „nicht zumutbar“ ist. In diesem Fall ersetzt die Deutsche Bahn die „angemessenen“ Kosten für eine Übernachtung.

Nutzung von schnellerem Zug

Wichtig ist, dass Fahrgäste bei einer zu erwartenden Verspätung von 20 Minuten im Zielbahnhof auch einen höherwertigen Zug besteigen dürfen. In dieser Situation müssen sie sich mit einer Fahrkarte für den Nahverkehr allerdings erst einmal eine Fahrkarte etwa für einen IC/ICE besorgen. Die damit verbundenen Kosten werden dann nach der durchgeführten Fahrt durch die Deutsche Bahn erstattet. Kunden mit einer „erheblich ermäßigten Fahrkarte“ sollen allerdings nicht in den Genuss dieser Regelung kommen. Hierzu gehört etwa ein Schönes-Wochenende-Ticket.

Allerdings lohnt es sich häufig, dass man bei einer erheblichen Verspätung des Zuges auf die Lautsprecherdurchsagen achtet. Zuweilen gibt die Deutsche Bahn auch schnellere Züge im Rahmen ihrer Kulanz frei. Oder Sie erkundigen Sie sich beim Servicepoint.

Geltendmachung von Entschädigung wegen Zugverspätung

Fahrgäste sollten sich bei einer erheblichen Zugverspätung am besten direkt an den Schaffner wenden und sich nach dem Fahrgastrechte-Formular erkundigen. Darauf kann man sich dann die Zugverspätung bestätigen lassen. Ansonsten sollte man sich am besten an das Reisecenter wenden. In diesem Fall bekommt der Fahrgast die Erstattung normalerweise direkt beim Abgeben im Reisecenter des Bahnhofes. Ansonsten kann auch ein Online-Formular der Deutschen Bahn im Internet heruntergeladen werden.

Entschädigung bei Verspätung von Straßenbahn oder Bus?

Wenn Sie aufgrund einer Verspätung von einer Straßenbahn oder einem Bus den Zug verpasst haben, können Sie diese Rechte normalerweise nicht gegenüber der Deutschen Bahn auf Grundlage der Verordnung EG Nr. 1371/2007 oder den Fahrgastrechten in Anspruch nehmen.

Eventuell Entschädigung über Verkehrsunternehmen/Verkehrsverbund

Unter Umständen können Sie jedoch das betreffende Verkehrsunternehmen beziehungsweise den Verkehrsverbund auf Entschädigung in Anspruch nehmen. Eine solche Regelung gibt es etwa in Nordrhein-Westfalen im Rahmen der NRW Mobilitätsgarantie. Hiernach dürfen Sie bei einer Verspätung von Bus und Bahn von mehr als 20 Minuten gewöhnlich einen Fernverkehrszug oder ein Taxi benutzen. Die dadurch entstandenen Kosten werden dann innerhalb von Höchstgrenzen erstattet. Dies gilt nach diesen Bestimmungen allerdings nicht bei Streik, Unwetter, Naturgewalten, Bombendrohungen. Den zugehörigen Erstattungsantrag können Sie hier herunterladen. Eine ähnliche Regelung gibt es z.B. auch im Karlsruher Verkehrsverbund.

Bei Problemen mit der Entschädigung sollten Sie sich zunächst einmal an eine Schlichtungsstelle wenden. Beispielsweise gibt es in Nordrhein-Westfalen die Schlichtungsstelle Nahverkehr. Soweit diese nicht bekannt ist, wenden Sie sich am besten an eine Verbraucherzentrale.

Autor: Harald Büring (Juraforum.de)

Schlagwörter: Zug, Verspätung, Entschädigung, Erstattung


Nachrichten zum Thema
  • BildEntschädigung wegen Verzögerung eines Verfassungsbeschwerdeverfahrens (04.09.2015, 12:16)
    Mit heute veröffentlichtem Beschluss hat die Beschwerdekammer des Bundesverfassungsgerichts der Beschwerdeführerin einer Verfassungsbeschwerde eine Entschädigung von 3.000 Euro wegen der unangemessenen Dauer ihres Verfahrens zugesprochen. Dies hat...
  • BildEntschädigung für überlange Verfahrensdauer (12.07.2013, 15:56)
    Das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig hat sich erstmals mit dem Ende 2011 geschaffenen Entschädigungsanspruch wegen überlanger Dauer von Gerichtsverfahren befasst. Es hat in zwei Revisionsverfahren entschieden, dass es für die zentrale Frage,...
  • BildRecht auf Entschädigung bei Altersdiskriminierung (12.01.2012, 15:07)
    Lüneburg (jur). Wird eine Bewerberin für eine hauptamtliche Stelle des Ersten Gemeinderates einer Kommune bei der Auswahl der potenziellen Kandidaten wegen ihres Alters nicht berücksichtigt, steht ihr eine Entschädigung wegen Altersdiskriminierung...
  • BildEntschädigung wegen abgelehntem Sprachkurs? (23.06.2011, 10:17)
    Die Aufforderung durch den Arbeitgeber, an einem Deutschkurs teilzunehmen, um arbeitsnotwendige Sprachkenntnisse zu erwerben, stellt als solche keinen Verstoß gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz dar. Die Klägerin ist - mit einer...
  • BildEntschädigung für falsche Gegendarstellung? (18.03.2011, 10:00)
    Zu dieser Frage musste sich der 14. Zivilsenat des Oberlandesgerichts Karlsruhe, Außensenate in Freiburg, der u.a. für das Presserecht zuständig ist, äußern. Die Klägerinnen A und B begehren vom Beklagten X, einem bekannten Fernsehmoderator, eine...
  • BildEntschädigung für Scheingewinne? (24.11.2010, 14:36)
    Bundesgerichtshof verneint Entschädigungsanspruch für Scheingewinne nach dem Einlagensicherungs- und Anlegerentschädigungsgesetz ("Phoenix") Der für das Bank- und Börsenrecht zuständige XI. Zivilsenat des Bundesgerichtshofes hat entschieden, dass...

Kommentar schreiben

7 - Ei ns =

Bisherige Kommentare zum Ratgeber (1)

Bahn-Buddy.de  (23.05.2016 19:11 Uhr):
Wer sich das Ausfüllen des Erstattungsformulars und das Anstehen beim Service-Center sparen möchte, kann seine Bahnverspätung bequem online unter www.bahn-buddy.de einreichen.





Weitere Reiserecht-Ratgeber


Anwalt für Reiserecht

Weitere Orte finden Sie unter

JuraForum-Suche

Durchsuchen Sie hier JuraForum.de nach bestimmten Begriffen:

© 2003-2018 JuraForum.de — Alle Rechte vorbehalten. Keine Vervielfältigung, Verbreitung oder Nutzung für kommerzielle Zwecke.