Krankenkasse muss für teures Hörgerät aufkommen

Autor: , verfasst am 28.07.2015, 08:07| Jetzt kommentieren

Hörgeschädigte brauchen sich bei der Versorgung mit einem Hörgerät nicht immer Festpreisgeräten abspeisen zu lassen. Dies ergibt sich aus einem aktuellen Urteil des SG Aachen.

Hörgerät (© Bäckersjunge - Fotolia)
Hörgerät
(© Bäckersjunge - Fotolia)

Ein ausgebildeter Sozialpädagoge litt unter einer hochgradigen Innenohrscherhörigkeit (der festgestellte GdB betrug 70). Nachdem sich sein Hörvermögen erheblich verschlechtert hatte suchte er zunächst einmal seinen Hörgeräteakustiker und dann seinen HNO Arzt auf. Von diesem ließ er sich ein hochwertiges Hörgerät verschreiben und beantragte bei seiner Krankenkasse, dass diese die Kosten in Höhe von insgesamt 2.886 Euro in vollständiger Höhe übernimmt. Weil die Krankenkasse sich weigerte, klagte er schließlich vor dem Sozialgericht.

Hörbehinderter war auf hochwertiges Hörgerät angewiesen

Das Sozialgericht Aachen gab der Klage des Patienten mit Urteil vom 07.07.2015 – Az. S 13 KR 315/14 statt. Krankenkassen dürfen nur dann im Rahmen des Wirtschaftlichkeitsgebotes auf Festbetragsgeräte verweisen, wenn eine sachgerechte Versorgung des Patienten möglich ist. Anders ist das, soweit dadurch nicht die jeweilige Behinderung durch die Hörminderung ausgeglichen wird. Hier ist der Versicherte aufgrund der Schwere seiner Behinderung und aus beruflichen Gründen auf ein besonders hochwertiges Hörgerät angewiesen. Dies ergibt sich unter anderem daraus, dass er als sogenannter Casemanager in einem Dienstleistungsunternehmen für behinderte Menschen tätig ist. Im Rahmen dieser Tätigkeit muss er unter anderem wichtige berufliche Telefonate führen, an Dienstbesprechungen sowie Fortbildungen teilnehmen. Er muss nicht nur unter Laborbedingungen, sondern auch in großen Räumen sowie störenden Geräuschen in der Umgebung alles gut verstehen können. Von daher ist es wichtig, dass sein Hörgerät z.B. mit einer gut wirksamen Impulsschallunterdrückung ausgestattet ist, um Störgeräusche zu unterdrücken. Er hat also einen Anspruch auf vollständige Erstattung des Betrages für ein hochwertiges Hörgerät oberhalb des Festpreises nach § 33 SGB V.

Fazit:

Wichtig ist, dass Hörbehinderte unter anderem vom HNO-Arzt genau prüfen lassen, ob Ihre Hörbehinderung durch ein Festpreisgerät ausgeglichen wird. Ansonsten sollten sich Patienten mit ihrer Krankenkasse in Verbindung setzen und bei ihr einen Antrag auf Übernahme der Kosten stellen. Hierbei hilft ein detailliertes Attest des HNO Arztes sowie ein Gutachten des Hörgeräteakustikers. Notfalls sollten Sie gegen einen ablehnenden Bescheid ihrer Krankenkasse unbedingt rechtzeitig Widerspruch einlegen und diesen genau begründen. Dabei können Sie auch auf ein Urteil des Bundessozialgerichtes vom 24.01.2013 - B 3 KR 5/12 R verweisen.

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