Was unterscheidet Arbeitsunfähigkeit von Erwerbsunfähigkeit?

Autor: , verfasst am 08.05.2015, 06:03| Jetzt kommentieren

Wer arbeitsunfähig ist, geht nicht zur Arbeit; wer erwerbsunfähig ist, ebenfalls nicht. So kann leicht der Gedanke aufkommen, dass es sich bei Arbeitsunfähigkeit und Erwerbsunfähigkeit um ein und dieselbe Begrifflichkeit handelt. Doch ist das wirklich so? oder gibt es Unterschiede zwischen Arbeitsunfähigkeit und Erwerbsunfähigkeit?

Arbeitsrecht (© PhotographyByMK - Fotolia)
Arbeitsrecht
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Was ist Arbeitsunfähigkeit?

Allgemein wird die Arbeitsunfähigkeit als „krankheitsbedingte Unfähigkeit, seiner Arbeit nachzukommen“ definiert. Dies ist dahingehend zu verstehen, dass ein Arbeitnehmer dann als arbeitsunfähig anzusehen ist, wenn er krankgeschrieben ist. bei diesen Personen ist anzunehmen, dass sie in dem Moment wieder ihre Tätigkeit aufnehmen werden, in dem sich ihr Gesundheitszustand verbessert hat. Die Unfähigkeit, nicht arbeiten zu können, ist also nur vorübergehender Art.

Arbeitnehmer, die seitens eines Arztes für arbeitsunfähig erklärt worden sind, haben zunächst einen Anspruch auf Entgeltfortzahlung. Diese wird für die Dauer von sechs Wochen vom Arbeitgeber gezahlt. Ist der Betroffene über diesen Zeitraum hinaus arbeitsunfähig, besitzt er einen Anspruch auf Krankengeld. Dies bedeutet, dass nach Ablauf der sechs Wochen die gesetzliche Krankenkasse eintritt.

Zu beachten ist, dass auch Arbeitslose arbeitsunfähig sein können. In derartigen Fällen ist dem Arbeitslosen  - für die Dauer der Arbeitsunfähigkeit – nicht zuzumuten, eine Tätigkeit aufzunehmen. Er steht also für die Dauer seiner Krankschreibung dem Arbeitsamt nicht zur Verfügung.

Was ist Berufsunfähigkeit?

Gemäß § 220 Abs. 2 SGB VI gilt als berufsunfähig, wer aufgrund von Krankheit oder Behinderung weniger als sechs Stunden täglich arbeiten kann. Dies bedeutet also, dass der Betroffene zwar eine körperliche Einschränkung besitzt, diese aber nicht als so akut einzuschätzen ist, dass ein Ende abzusehen ist. Diese Personen können durchaus arbeiten, sofern die ihnen angebotene Arbeit zumutbar ist.

Arbeitnehmer, die berufsunfähig sind, haben seit dem 01. Januar 2001 keinen Anspruch mehr auf eine Rente wegen Berufsunfähigkeit. Ausnahmen bestehen lediglich für jene Beschäftigte, die bis zum 01.01.1961 geboren worden sind. möchte sich ein Arbeitnehmer gegen das Risiko einer Berufsunfähigkeit absichern, so muss er dies im Zuge einer privaten Versicherung tun (Berufsunfähigkeitsversicherung).

Was ist Erwerbsunfähigkeit?

Als „Erwerbsunfähigkeit“ wurde bis zum 01.01.2001 der Zustand bezeichnet, wenn ein Arbeitnehmer aufgrund einer Krankheit oder Behinderung nicht in der Lage war, für seinen Lebensunterhalt durch Arbeit zu sorgen. Seitdem wird von der „Erwerbsminderung“ gesprochen, die wiederum in zwei verschiedene Kategorien einzuteilen ist:

  • Teilweise Erwerbsminderung

  • Volle Erwerbsminderung

Gemäß § 43 Abs. 1 SGB VI liegt eine teilweise Erwerbsminderung vor, wenn eine Person wegen Krankheit oder Behinderung für eine nicht absehbare Zeit nicht in der Lage ist, unter den üblichen Bedingungen des Arbeitsmarktes mindestens sechs Stunden täglich zu arbeiten.

Zu beachten ist, dass derjenige nicht als erwerbsgemindert angesehen wird, wenn er in der Lage ist, irgendeine Tätigkeit mindestens sechs Stunden täglich zu absolvieren. Im Gegensatz zu den Voraussetzungen für eine Berufsunfähigkeit ist es bei der Erwerbsminderung also nicht von Bedeutung, ob die Tätigkeit zumutbar ist oder nicht: wer als so arbeitsfähig angesehen wird, dass er irgendeinen Job verrichten kann, der muss diesen auch ausüben. Dies ist beispielsweise der Fall, wenn ein Chemiker Allergien gegenüber Chemikalien entwickelt und aufgrund dessen seinem Job nicht mehr nachgehen kann. Er ist aufgrund seiner Erwerbsfähigkeit durchaus in der Lage, andere Tätigkeiten zu verrichten – und wenn er sich an die Kasse eines Baumarkts setzt…

Gemäß § 43 Abs. 2 SGB VII wird eine Person als voll erwerbsgemindert angesehen, wenn sie

  • aufgrund einer Krankheit oder Behinderung nicht in der Lage ist, mehr als drei Stunden täglich zu arbeiten oder

  • aufgrund der Art oder Schwere einer Behinderung nicht auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt tätig sein kann.

Die volle Erwerbsminderung ist demzufolge gegeben, wenn jemand so krank oder behindert ist, dass er nur sehr eingeschränkt arbeiten kann beziehungsweise als nicht vermittelbar anzusehen ist.

Personen, die teilweise oder voll erwerbsunfähig sind, besitzen einen Anspruch auf Erwerbsminderungsrente, deren Höhe abhängig ist von den bis dato erreichten Entgeltpunkten sowie dem Rentenfaktor der Erwerbsminderung.

Fazit: Arbeitsunfähigkeit und Erwerbsminderung sind nicht miteinander zu verwechseln. Die Arbeitsunfähigkeit bezieht sich darauf, dass eine Person für eine bestimmte Zeit aufgrund einer Krankheit nicht in der Lage ist, zu arbeiten. Die Erwerbsminderung hingegen bezieht sich auf einen länger – beziehungsweise immer – andauernden Zeitraum, in dem es einem Arbeitnehmer nicht beziehungsweise nur eingeschränkt möglich ist, berufliche Tätigkeiten zu verrichten.

Schlagwörter: Arbeitsunfähigkeit, Erwerbsunfähigkeit


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