Zwölftafelgesetz

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Erklärung zum Begriff Zwölftafelgesetz

Bei dem Zwölftafelgesetz handelt es sich um eine Gesetzessammlung, die in Rom um 459 v. Chr. entstanden ist. Sie ist in 12 Tafeln aufgeteilt und fand sich auf dem Forum Romanum ausgestellt. Das Zwölftafelgesetz wird auch als lex duodecim tabularum, lex und leges Decemviralis oder als duodecim tabulae bezeichnet.

Ob das Zwölftafelgesetz tatsächlich existiert hat, ist nicht eindeutig belegt. Historiker gehen jedoch aufgrund einer Vielzahl an Zeugnissen davon aus, dass es existiert haben muss. Das Zwölftafelgesetz mit der fixierten Rechtsprechung hatte eine herausragende Bedeutung für die Justiz des römischen Reiches bis zu seinem Ende. Auch auf die Rechtsprechung unserer Tage hat das Zwölftafelgesetz in ihren Grundsätzen erheblichen Einfluss.

 

Historisches

Lex duodecim tabularum, die Zwölftafelgesetze, eine Gesetzessammlung aus dem Rom um 450 vor Christus. An und für sich nicht besonders ungewöhnlich, schließlich hatte bereits König Hammurapis im 18. Jahrhundert vor Christus Gesetzesformulierungen in Stein meißeln lassen. Die zwölf Tafeln bestanden aus Bronze, sie wurden auf der Rednerbühne des Forum Romanum ausgestellt. Das herausragende an den 12 Tafelgesetzen ist, dass sie die ersten Zeugnisse einer regelrechten Rechtswissenschaft darstellten. Ferner ist bemerkenswert, dass, ein Anfang demokratischer Denk- und Handlungsweise, sie aus einem Streit zwischen Patriziern und dem Plebs heraus entstanden sind. Um zu verstehen, was die 12 Tafeln tatsächlich bedeuten, muss man wissen, dass das römische Gesetz in dieser Zeit eine mehr oder minder geheim gehaltene, stark religiös beeinflusste Angelegenheit war.

Das römische Recht fand sich nicht niedergeschrieben, vielmehr wurde es mündlich innerhalb der Priesterschaft weitergegeben. Die Priester hüteten das Recht als Geheimwissenschaft. Sie wurde als von höheren Entitäten, also Göttern, als vorgegeben betrachtet. Die Richter, Rechtsgelehrte stellten die Pontifices dar, also die Priester, sakrale Beamte. Sie fanden sich im Pontifikalkollegium zusammen, die Behörde, die alle Zeremonien und Opfer nach dem 'patrius ritus' überwachte und ausführte, auch den staatlichen Gottesdienst.

Trotz dieser Konstellation finden sich auf den überlieferten Fragmenten der zwölf Tafeln ausnehmend wenige sakrale Bezüge, vor allem im Bereich des Privatrechts. Im Jahre 462 vor Christus empörte sich der Plebs als der niedrige Stand gegen die Patrizier, die Höheren, Besitzenden und Mächtigen, zu denen auch die Priester zählten. Der Plebs, also die Mehrzahl der Bevölkerung, forderte Schutz gegen die willkürlichen Maßnahmen der Patrizier, die viele Menschen in die Verarmung trieben. Die Fixierung auf den erst 10, dann nach Ergänzung 12 Bronzetafeln bedeutet einen ersten formaljuristischen Schutz.

 

Inhalt der Tafeln

Die Basis für die schriftlich niedergelegte Gesetzgebung stellte einmal das althergebrachte römische Recht der Pontifices dar. Doch war es Ziel, das rechtsphilosophisch orientierte altgriechische Recht zu studieren, so flossen Grundsätze der Gesetzgebung des Solon, die Gesetze des Minos auf Kreta und die Gesetze des Drakon in die Formulierungen ein. Es wurde also eine Kommission nach Griechenland entsendet, die aber den Kenntnissen unserer Geschichtsforschung folgend, gerade einmal bis in die griechischen Städte Süditaliens gelangten. Ein Grieche mit Namen Hermodor ist wohl bei der Übersetzung griechischer Texte äußerst hilfreich gewesen. Die 'decernviri', die beauftragt wurden, die fremden Gesetze in römisches Recht zu transkribieren, verwendeten diese fremden Rechtsgrundsätze jedoch nur sehr beschränkt, grundlegend stand auf den zwölf Tafeln letztlich, vielleicht ein wenig modifiziertes, römisches Recht, von Solon inspiriert.

Für die Römer bedeuteten die Tafeln eine Menge. Sie sahen ihn ihnen nicht ohne Grund die Grundlage ihre Rechtslebens, also ' fons omnis publici privatique iuris' will meinen 'Quelle des gesamten öffentlichen und privaten Rechts'. Die Tafeln selber überlebten nicht lange. Die Eroberung Roms durch die Gallier 387 vor Christus führte zu ihrer Zerstörung. Das juristische  Gedankengut jedoch, das hier erstmals kodifiziert wurde, wirkt bis in unsere Tage unter anderem im Grundgesetz, dem Bürgerlichen Gesetzbuch und auch in der Europäischen Verfassung.

 

Einflussnahme

Ein weiterer wichtiger Einflussnehmer auf das, was die Forschung heute über den Inhalt des Zwölftafelgesetzes weiß, ist Cicero. Nachdem das Zwölftafelgesetz ja zerstört wurde, wissen wir nur aus Zitaten in etwa über den Inhalt, die Texte wurden aus Zitaten eben Ciceros und Titus Livius, beide Geschichtsschreiber, zum Teil rekonstruiert. Cicero soll dabei, der Geschichtsforschung nach, wie es auch sein genereller Habitus war, nicht sehr sorgfältig mit der Wahrheit umgegangen sein, so könnten etliche der Grundsätze in seinem Sinne vollkommen neu erschaffen oder fehlinterpretiert worden sein. Das lässt sich allerdings nicht wirklich nachvollziehen, weil tatsächlich nur Fragmente der Tafelinschriften erhalten sind.

Das römische Reich zu dieser Zeit stellte einen ausgewachsenen Agrarstaat dar, so fand sich die niedergeschriebene Gesetzgebung diesen Strukturen angepasst. Die Verfassung selber wurde im Zwölftafelgesetz nicht berührt. Dagegen ging es um das Privatrecht, das Delikts- und Sakralrecht, das sehr wichtig war und 'ius civile' genannt wurde, sowie um das Sachenrecht und das Familien- und Erbrecht. Der erste ernsthafte Versuch die Gesetzestexte des Zwölftafelgesetzes und ihren Geist wiederzubeleben fand im Jahre 1515 durch Aymar du Rivail Seigneur de la Rivallière, auch Aymarus Rivallius oder Rivalius genannt, statt. Der Rechtshistoriker und Historiker war damit der tatsächliche Begründer der Rechtsgeschichte.

Weiter publizierten Schöll 1866 sowie Michael Crawford 1996 und Dieter Flach 2004 jeweils eine überarbeitete Neuauflage. Die Regelungen im genauen Einzelnen des Zwölftafelgesetzes sind tatsächlich nicht überliefert, fest steht lediglich, dass eine jede der 12 Tafeln ein Gesetz für sich abhandelte. Die Quellen, die existieren, um zu eruieren, was der Inhalt der Tafeln genauer war, reduzieren sich auf die spätklassischen Juristen Gaius und Ulpia, Cicero, die Schriftsteller und Gelehrten Festus, Gellius sowie Plinius den Älteren.

 

Aufbau der 12 Tafeln des Zwölftafelgesetzes

Die 12 Tafeln des Zwölftafelgesetzes kannten keinerlei Systematik, soweit man das heute nachvollziehen kann. Auch eine lückenlose Aufzeichnung des Rechts stellten sie nicht dar. Es wurde bei der Erarbeitung jedoch nicht das alte, überlieferte Gewohnheitsrecht fixiert, sondern vielmehr eine abweichende, neue Rechtsprechung generiert. Dabei kann man von Unordnung sprechen. Während einige Gesetzgebungsareale penibel bis ins Detail beschrieben werden, sind andere vollkommen übergangen oder werden allenfalls in der Peripherie erwähnt. Es werden keine Rechtsbegriffe beschrieben, sondern deren Definitionen vorausgesetzt. Die Definition, die Umsetzung der Rechtsgrundsätze ist oft in Fallbeispielen geschildert.

 

Stil und Form

Das verwendete Latein der Zwölftafelgesetze ist das Altlatein. Beispielhaft stehen also 'em' für 'eum', 'escit' für 'erit' und so weiter. Es kommen sehr häufig konkrete Fälle anstatt von Verallgemeinerungen vor. In den Definitionen findet sich sehr oft der Imperativ verwendet. Es existiert ein durchgängiger, typischer Satzbau, nämlich die Form der Protasis — Apodosis. Das will meinen, dass auf einen Wenn-Satz, zur Festlegung des Tatbestands, die 'Protasis', ein Hauptsatz folgt, nämlich die 'Apodosis', die dann die diesem Tatbestand entsprechende Bestimmung ausmacht. Weiter wird auffallen, dass die Texte in tatsächlich häufig lapidar anmutender Kürze verfasst sind, oft ist der Leser genötigt selbst zu ergänzen.

 

Die Folge

Es ist festzustellen, dass die 12 Tafeln des Zwölftafelgesetzes mit der fixierten Rechtsprechung eine herausragende Bedeutung für die Justiz des römischen Reiches bis zu seinem Ende innehatten. Es beeinflusste unter anderem das Corpus iuris civilis, die justinianische Gesetzgebung, die Digesten, will meinen alle großen Rechtswerke der Spätantike. Auch auf die Rechtsprechung unserer Tage hatten die 12 Tafeln des Zwölftafelgesetzes in ihren Grundsätzen durchaus erheblichen Einfluss.




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