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Über den Prozess der Zivilisation

Rechtsphilosophie, zuletzt bearbeitet am: 19.04.2023 | Jetzt kommentieren

Zivilisation und Hochkultur im Alten Ägypten. (© Nikolay N. Antonov - stock.adobe.com)
Zivilisation und Hochkultur im Alten Ägypten. (© Nikolay N. Antonov - stock.adobe.com)

Die Zivilisation

Das Wort ist von dem im Deutschen seit dem 17. Jh. belegten Adjektiv zivil (= bürgerlich) abgeleitet, welches wiederum vom lat. civilis (= den Staatsbürger betreffend) bzw. civis (= Bürger) stammt.

Was bedeutet Zivilisation?

Der Begriff Zivilisation (zu dt. etwa „Gesittung“) bezeichnet die auf die Barbarei (s.u.) folgende Vorstufe der Kultur, welche den Menschen allmählich zum planmäßig wohlgeordneten Zusammenwirken mit seinesgleichen erzieht und damit erst die wichtigste Vorbedingung für Kultur schafft.

Zivilisation ist somit der Inbegriff derjenigen Bildungselemente, die zu einem geordneten bürgerlichen Leben erforderlich sind und in demselben herausgebildet wurden. Die Zivilisation ist also auch eine Bezeichnung für die durch den Fortschritt von Wissenschaft und Technik geschaffenen Lebensbedingungen. Zivilisation bezieht sich immer auf eine Mehrzahl von Menschen, eine Gesellschaft, ein Volk oder eine Gruppe mehrerer Völker mit ähnlicher kultureller Entwicklung.

Zivilisation ist nach dem etwa 100 Jahre alten Meyers Lexikon (s.u.) „die Stufe, durch die ein barbarisches Volk hindurchgehen muss, um zur höheren Kultur in Industrie, Kunst, Wissenschaft und Gesinnung zu gelangen“. Dabei versteht die Geschichtswissenschaft unter Kultur ein in seinen Erscheinungsformen und Entwicklungsstufen oft vielseitiges, großräumiges und langlebiges gesellschaftliches Gebilde von großer Prägekraft.

Bezeichnet man eine einzelne Person als zivilisiert, bezieht man dies im Allgemeinen auf

  • die Bildung,
  • die Umgangsformen und
  • das gesellschaftliche Benehmen

dieses Menschen.

In der internationalen politischen Definition der heutigen Zeit versteht man unter Zivilisation

  • eine Art kultureller Verbindung mehrerer ähnlich strukturierter Gesellschaften,
  • die geographisch nicht miteinander verbunden sein müssen.

Die Staaten einer Zivilisationsstufe teilen eine Weltanschauung. In diesem Zusammenhang wird denn auch Kultur als lokal begrenzte, Sinn stiftende Produktion gemeinsamer Werte und Normen definiert.

Diesen Zivilisationsprozess kann man nach der Theorie von Norbert Elias (1879–1990) auch als „Zivilisierung“ bezeichnen. Elias beschreibt den Prozess der Zivilisation anhand umfangreichen empirischen Materials, besonders am Beispiel der französischen Geschichte.

Er bezeichnet mit Zivilisierung eine im Prinzip unabgeschlossene Ausbildung von Verhaltensstandards, die als Ziel

  • eine Kontrolle von Aggression,
  • zivilere Verkehrsformen und
  • innergesellschaftliche Pazifizierung in Verbindung mit Entwicklungen der materiellen Kultur,
  • gesellschaftlichen Institutionen und
  • technisch-wissenschaftlichem Fortschritt

hat.

Im Frankreich des ausgehenden 18. Jh.s bezog sich der Begriff Zivilisation (frz. civilisation) ursprünglich auf die Gesellschaft des Ancien Régime, in der es zu einer Verschmelzung adeliger und bürgerlicher Wertvorstellungen gekommen war. Der Begriff war hier zunächst Ausdruck einer positiven Erwartungshaltung an den Fortschritt im Zeitalter der Aufklärung.

In seiner Grundbedeutung bestand die Vorstellung von einer civilité keineswegs in einem mit Grundrechten ausgestatteten Staatsbürger im Sinne des 19. Jh.s, sondern in einem tugendhaften und gebildeten Menschen mit kultivierten, höfischen (höflichen) Umgangsformen. Dies verband sich mit der Erwartung einer positiven Entwicklung des aufsteigenden städtischen Wirtschafts- und Beamtenbürgertums, einer Verbesserung und Weiterentwicklung der Technik, sowie der geistigen, ökonomischen, sozialen, wissenschaftlichen und materiellen Verhältnisse.

Im 19. Jh. erfuhr der Begriff dann durch die ethnologischen Auseinandersetzungen im Zuge des französischen Kolonialismus eine Neubewertung, wobei die Idee der Zivilisation in Gegensatz zum Begriff „Barbarei“ gestellt wurde, um so nichteuropäische Gesellschaften als unzivilisiert zu charakterisieren. Kolonialistische Maßnahmen wurden nicht nur in Frankreich als „Missionen“ legitimiert. Insgesamt waren diese Bezeichnungen Ausdruck einer zu damaliger Zeit in Frankreich und auch bei anderen Kolonialmächten herrschenden Vorstellung von barbarischen (unzivilisierten) außereuropäischen Gesellschaften, denen man die eigene zivilisierte Gesellschaft gegenüberstellte. In Frankreich sowie in den angelsächsischen Ländern etablierte sich mit der Zeit eine Gleichsetzung der Begriffe Kultur und Zivilisation.

Abgrenzungen

In Deutschland dagegen entwickelte sich allmählich eine Abgrenzung der als tiefgründig und wertvoll empfundenen deutschen Kultur gegenüber der als oberflächlich gesehenen Modernität westlicher Zivilisationen. Zivilisationskritik im Sinne einer pessimistischen und kulturkritischen Geschichtsphilosophie äußerten u.a. Immanuel Kant (1724–1804), Friedrich Nietzsche (1844–1900), Oswald Spengler (1880–1936) und Arnold K. F. Gehlen (1904–1976).

Kant zufolge fehlt der Zivilisation das moralische Verständnis, welches die Kultur auszeichnet. Das moralische Verständnis aber könne nur durch philosophische Reflexion erworben werden.

Spengler setzt der Zivilisation aus dem Gesamtbereich des bloß Technisch-Mechanischen die Kultur als Reich des Organisch-Lebendigen entgegen. Er vertritt die Auffassung, die Kultur sinke im Laufe der Entwicklung ab zur Zivilisation und gehe damit ihrem Untergang entgegen. Spenglers Sichtweise scheint sich heute allgemein durchgesetzt zu haben.

Zivilisation wird heute überwiegend als das gesehen, was Wissenschaft und Technik an Komfort zur Verfügung gestellt haben. Der zivilisierte Mensch wird von diesen Bequemlichkeiten (ihrer Herstellung und Benutzung) derart körperlich und geistig in Anspruch genommen und durch sie so eng in das technische Kollektiv eingebunden, dass er für Kultur weder Kraft noch Zeit und Interesse hat. So verspürt der moderne Mensch im Allgemeinen auch keinerlei innere Notwendigkeit, außer zivilisiert auch noch kultiviert zu sein.

Der wichtigste Zivilisationskritiker außerhalb Deutschlands ist Jean-Jacques Rousseau (1712–1778). Für ihn ist das Denken in der Epoche der Zivilisation durch Entfremdung gekennzeichnet, was seinen Ausdruck im allgemeinen Sittenverfall und in der Verderbtheit findet. Während der Mensch des Naturzustandes seine allgemeine Bedeutung als Mensch noch durch eine ursprüngliche Sympathie gegenüber anderen Menschen erlangt, findet laut Rousseau mit der Einführung von Ackerbau und Eisenverarbeitung eine zufällig bedingte geschichtliche Weiterentwicklung zur Zivilisation statt. Diese Entwicklung führe zur Einrichtung des Privateigentums und einem daraus resultierenden Verständnis des Menschen als Individuum von seinen materiellen, veräußerlichten und vereinzelten Produkten her und sei so der „Ursprung der Ungleichheit“ unter den Menschen.

Einer der Vertreter der modernen Zivilisationskritik ist z.B. Rudi Zimmermann, der eine Bedrohung der Zivilisation durch das Banken- und Finanzwesen sieht und hierdurch eine Umkehr des einst positiven Zivilisationsprozesses befürchtet. Durch die Möglichkeit der Kreditaufnahme zum Zweck der schnellen Befriedigung von materiellen Wünschen (z.B. die Anschaffung von Immobilieneigentum  u.Ä.) ginge nach Zimmermanns Ansicht die mühsam erlernte Hemmungsfähigkeit verloren, die Grundlage der Zivilisation gewesen sei. Den biblischen Sündenfall betrachtet Zimmermann als Metapher, welche die gegenwärtige Finanz- und Wirtschaftskrise beschreibt; so symbolisiere die Schlange im Paradies die Verführung durch Werbung, Kreditangebote u.a.m.

Als politischer Kampfbegriff wird Zivilisation spätestens seit dem 19. Jh. gebraucht. Karl Marx (1818–1883) bezeichnet angesichts des französischen Bürgerkrieges 1871 die Zivilisation der Bourgeoisie als „unverhüllte Wildheit und grenzenlose Rache“, deren Geist sich in den „höllischen Taten der Soldateska“ manifestiert.

Kampf der Kulturen

George Orwell (eig. Eric Blair, 1903–1950) lässt seine Romanfigur als Vertreter des Kolonialismus und der westlichen Zivilisation in Burma die Dinge unverblümt beim Namen nennen: „Ich bin hier um Geld zu verdienen wie alle anderen. Wogegen ich mich wende, ist nur der schleimige Quatsch von der Bürde des weißen Mannes. … die Lüge, dass wir hier sind, um unsere armen schwarzen Brüder emporzuheben, statt sie auszurauben. … Das immer währende Gefühl, ein Schleicher und Lügner zu sein, quält uns und treibt uns, uns Tag und Nacht zu rechtfertigen. Der Hälfte unserer Gemeinheit gegen die Eingeborenen liegt das zugrunde.“ Von der anderen, ausgebeuteten Seite kommt der Ruf: „Zivilisation, Zivilisation, Stolz der Europäer … Wonach du auch strebst, was du auch tust, immer bewegst du dich in der Lüge. Bei deinem Anblick fließen die Tränen, schreit der Schmerz. Du bist die Gewalt, die vor dem Recht gilt. Du bist keine Fackel, sondern eine Feuersbrunst. Alles, was du anrührst, verzehrst du.“ (Rabindranath Tagore, 1861–1941, zit. n. Wikipedia)

Auch in der Gegenwart wird Zivilisation z.B. von Samuel Huntington im „Kampf der Kulturen“ (1997) als politischer Kampfbegriff zur Prognose eines weltweiten Konfliktes benutzt. Huntington unterscheidet folgende Zivilisationen:

  • Islam,
  • Westen,
  • Konfuzianismus,
  • japanische Zivilisation,
  • Latino-Amerikanismus,
  • orthodox-slawische Zivilisation,
  • Hinduismus,
  • afrikanische Zivilisation.

 

Literatur:

Ankerl, Guy: Coexisting Contemporary Civilisations. Genf 2000.

Bitterli, Urs: Die „Wilden“ und die „Zivilisierten“. München 1976.

Braudel, Fernand: Die Geschichte der Zivilisation. Zürich 1971.

Breuer, Stefan: Die Gesellschaft des Verschwindens. Von der Selbstzerstörung der technischen Zivilisation. Berlin 1995.

Brockhaus: Die Enzyklopädie. 20. Aufl. 24 Bände. Leipzig, Mannheim 1996–1999.

Callot, E.: Civilisation et civilisations. Paris 1954.

Claessens, Dieter: Das Konkrete und das Abstrakte. Frankfurt am Main 1994.

Diamond, Stanley: Kritik der Zivilisation. Frankfurt am Main, New York 1976.

Dürr, Hans-Peter: Der Mythos vom Zivilisationsprozess. 5 Bände. Frankfurt am Main 2005.

Elias, Norbert: Über den Prozess der Zivilisation. 2 Bde. EA Basel 1939. Stuttgart 1977.

Fischer, H.: Vernunft und Zivilisation. Herford 1971.

Freede, Jochen: Die Spur des Rades. Neustadt 2001.

Freyer, Hans: Theorie des gegenwärtigen Zeitalters. Stuttgart 1955.

Friedmann, Hermann: Epilegomena zur Diagnose des Wissenschaftszeitalters. München 1954.

Gehlen, Arnold Karl Franz: Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt. Berlin 1940.

Huntington, Samuel P.: Kampf der Kulturen. München 1997.

Kant, Immanuel: Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht. Studienausgabe in 6 Bänden (Hg. V. W. Weischedel und C. C. E. Schmid). Wiesbaden 1956–1964. Nachdruck: Frankfurt am Main 1998.

Lasswitz, Kurt: Zivilisation und Kultur. Lüneburg 2009.

Marx, Karl: Der Bürgerkrieg in Frankreich. EA 1891. In: Ausgewählte Schriften in 2 Bänden. Berlin 1976.

Metzler Philosophie Lexikon (Hg. V. P. Prechtl und F.-P. Burkard). 2. Aufl. Stuttgart, Weimar 1999.

Meyers großes Konversationslexikon. 6. Aufl. 24 Bände. Leipzig, Wien 1902–1912.

Nelson, Benjamin: Der Ursprung der Moderne – Vergleichende Studien zum Zivilisationsprozess. Frankfurt am Main 1986.

Nietzsche, Friedrich: Jenseits von Gut und Böse. In: Werke in 3 Bänden. Darmstadt 1997.

Orwell, George: Burmese Days. 1934. (dt.: Tage in Burma. Zürich 1982.).

Rousseau, Jean-Jacques: Schriften zur Kulturkritik. Hamburg 1978.

Sana, Heleno: Die abendländische Zivilisation frisst ihre Kinder. Hamburg 1997.

Schischkoff, Georgi (Hg.): Philosophisches Wörterbuch. 22. Aufl. Stuttgart 1991.

Spengler, Oswald: Der Untergang des Abendlandes. EA 1918. München 1979.

Tarnas, Richard: The Passion of the Western Mind. New York 1991 (dt.: Idee und Leidenschaft. München 1997).

Toynbee, Arnold J. J.: A Study of History. London 1934 (dt.: Der Gang der Geschichte. Frankfurt am Main 2009).

Tylor, Edward B.: Primitive Culture. New York 1889 (dt.: Die Anfänge der Kultur. Leipzig 1873.).

Wikipedia: Zivilisation. www.wikipedia.org 2010.

Zimmermann, Rudi: Zivilisation als Fortsetzung der Evolution. Berlin 2008.

 

Autor: Jochen Freede

Quelle: Erstveröffentlichung im Lexikon freien Denkens, Angelika Lenz Verlag 2011


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