Wortschatz im Fluss – Von „Helikoptereltern“, „Hirsemond“ und „alabasterweiß“

07.03.2017, 13:12 | Wissenschaft | Autor: | Jetzt kommentieren


53. Jahrestagung des Instituts für Deutsche Sprache Mannheim http://www.ids-mannheim.de
zum Thema „Wortschätze: Dynamik, Muster, Komplexität“ vom 14. - 16. März 2017, Congress Center Rosengarten Mannheim.
Der Wortschatz ist dynamisch in ständigem Wandel begriffen, er ist viel komplexer als wir früher dachten, und stellt uns Muster zur Verfügung, die zu immer neuen Wörtern und Wortverwendungen anregen. Und so tut man gut daran, sich den Wortschatz nicht wie eine große Wortsammlung vorzustellen, sondern eher wie einen Prozess, in dem alles im Fluss ist

Unser traditionelles Bild vom Wortschatz sieht so aus: Der Wortschatz ist eine Sammlung von Wörtern und Redewendungen mit ihren Bedeutungen; manchmal verschwinden Wörter aus dieser Sammlung, ab und zu kommen neue hinzu, entweder aus dem Englischen (z. B. „fracken“, „Darknet“ oder „whatsappen“) oder indem sie im Deutschen neu gebildet werden (z. B. „Inklusionsklasse“, „Flexirente“ oder „Helikoptereltern“). Neue Forschungsperspektiven auf den Wortschatz legen allerdings nahe, dass dieses Bild viel zu statisch und vereinfachend ist. Die diesjährige Jahrestagung des Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim http://www.ids-mannheim.de, die vom 14. - 16. März 2017 im Congress Center Rosengarten in Mannheim stattfindet, zeigt unter dem Titel „Wortschätze: Dynamik, Muster, Komplexität“, warum das so ist:
Zunächst einmal ist der deutsche Wortschatz viel größer, als der Benutzer eines Standardwörterbuchs vermuten möchte. In einem großen Wörterbuch des Deutschen finden sich gut 200.000 Einträge – in den größten sprachwissenschaftlich auswertbaren elektronischen Textsammlungen tummeln sich dagegen fast hundertmal so viele verschiedene Wörter. So lässt sich etwa aus diesen Textsammlungen mühelos eine vierstellige Anzahl von Wörtern zur Charakterisierung von „Monden“ verschiedenster Art herausfiltern. Die meisten davon existieren in kleinen semantischen Nischen wie der „Hirsemond“ als Bezeichnung für ein mit Hirsespelzen gefülltes, halbmondförmiges Nackenkissen, oder sie fristen ihr Dasein als Eintagsfliegen, wie der „Pergamentmond“, der „Musikdosenmond“ oder der „Honigmelonenmond“. So ist der Wortschatzbestand denn auch in konstantem, täglichem Wandel begriffen. Berechnen kann man dabei unter anderem, wie groß bei lexikalischen Einheiten die Bereitschaft ist, zu neuen Wörtern beizutragen. Dabei zeigt sich zum Beispiel, dass „schwarz“ von „abgrundschwarz“ bis „zylinderschwarz“ uns in viel stärkerem Maße zu Bildungen animiert als „weiß“, das zwischen „alabasterweiß“ und „zwiebelweiß“ weit weniger anzubieten hat.
Auch Bedeutungen sind flexibler und gebrauchsabhängiger als man gemeinhin denkt. Wir wissen alle, dass „mit etwas anfangen“ bedeutet, dass man eine Handlung beginnt. Dennoch können wir fragen „Hast Du schon mit dem neuen Buch angefangen?“, obwohl „Buch“ gar keine Handlung bezeichnet. Wir verstehen Wir verstehen den Satz dann so: „Hast Du schon damit angefangen, das neue Buch zu lesen?“ oder – unter Schriftstellern – „Hast Du schon damit angefangen, das neue Buch zu schreiben?“ oder gegebenenfalls – um der Kreativität der Sprache Genüge zu tun – in einer Fabel über Bücherwürmer auch: „Hast Du schon damit angefangen, das neue Buch zu fressen?“ Eine solche Flexibilität lässt sich mit traditionellen statischen Auffassungen von Wortbedeutungen kaum erklären.
Weit weniger fest als früher angenommen sind trotz ihres Namens auch die festen Wortverbindungen des Wortschatzes. So genügt es dem kreativen Sprachverwender nicht mehr „dein Wort in Gottes Ohr“ zu wünschen, es darf auch schon mal „des Wettergottes Ohr“ sein oder „des Trainers Ohr“ oder eine von mehreren Dutzend weiteren Varianten. Scheinbar haben wir es im Wortschatz oft mit halbabstrakten Mustern zu tun wie „Dein Wort in X Ohr“ mit „Gott“ als bevorzugter, aber keineswegs notwendiger Füllung für X. An der Grenze zwischen Lexikon und Grammatik finden sich dann auch Muster wie „jemand VERB-t nach etwas“ mit dem wir ausdrücken, dass wir etwas finden oder erlangen wollen. Typischerweise treten hier Verben des Suchens auf („sie sucht nach Gold /fahndet nach Verbrechern“), aber das Muster hat sich auf viele andere Verbklassen ausgedehnt wie etwa Kommunikationsverben („sie schreit nach Bier“) oder Bewegungsverben („sie taucht nach einem Schatz“). Und auch hier drängt der kreative Sprachverwender neue Wörter sofort in bekannte Muster, etwa wenn „wir nach etwas googeln“.
Der Wortschatz ist also dynamisch in ständigem Wandel begriffen, er ist viel komplexer als wir früher dachten, und stellt uns Muster zur Verfügung, die zu immer neuen Wörtern und Wortverwendungen anregen. Und so tut man gut daran, sich den Wortschatz nicht wie eine große Wortsammlung vorzustellen, sondern eher wie einen Prozess, in dem alles im Fluss ist. Und so wie man – nach Heraklit – nie zweimal in den gleichen Fluss steigt, bedient man sich auch nie zweimal im gleichen Wortschatz, denn während Sie diesen Artikel gelesen haben, sind schon wieder neue Wörter im deutschen Wortschatz aufgetreten, haben sich Wortbedeutungen verändert und Wörter sind in Kontexten aufgetreten, die Sie kaum für möglich gehalten haben.

Das vollständige Tagungsprogramm findet sich unter:
http://www.ids-mannheim.de/org/tagungen/program2017.html
Zu der Tagung werden wieder über 450 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus rund 25 Ländern erwartet.

Das Institut für Deutsche Sprache (IDS) ist die zentrale außeruniversitäre Einrichtung zur Erforschung und Dokumentation der deutschen Sprache in ihrem gegenwärtigen Ge-brauch und in ihrer neueren Geschichte. Es gehört zu den 91 Forschungs- und Serviceein-richtungen der Leibniz-Gemeinschaft. Näheres unter: http://www.ids-mannheim.de, und http://www.leibniz-gemeinschaft.de.

Quelle: idw


Weitere Nachrichten zum Thema
  • BildWortschatz der Gefühlsbezeichnungen - Sprachdatenbank wird am 7. Juni freigeschaltet (30.05.2013, 13:10)
    Der Wortschatz der Gefühlsbezeichnungen in fünf europäischen Sprachen stand drei Jahre lang im Mittelpunkt des deutsch-französischen Forschungsprojekts EMOLEX. Angesiedelt ist es am Institut für Anglistik und Amerikanistik (IfAA) der Universität...
  • BildDiagnostische Schnelltests im Fluss (13.04.2012, 11:10)
    Mikrofluidisches elektrochemisches Amplifizierungsverfahren zur schnellen, empfindlichen und quantitativen Detektion von pathogener DNAKrankheitserreger lassen sich inzwischen ganz gut entlarven, meist dank aufwändiger Labormethoden. Manchmal aber...
  • BildGeographie weit mehr als "Stadt, Land, Fluss" (31.01.2012, 19:10)
    Die Wahrnehmung des Wissenschafts- und Schulfaches Geographie in der Öffentlichkeit entspricht nicht den aktuellen Inhalten des Faches: Immer noch wird es weitgehend mit „Stadt-Land-Fluss“ gleichgesetzt, dem unterhaltsamen Spiel, das aber nicht...
  • BildAlles im Fluss: Wirtschaftswissenschaftler forschen in Afrika (04.11.2010, 09:00)
    Marburger Ökonomen erforschen in den kommenden Jahren im südlichen Afrika, wie nachhaltiges Landmanagement von institutionellen Rahmenbedingungen abhängig ist. Das Bundesforschungsministerium stellt für das Projekt fast 1,2 Millionen Euro zur...
  • BildHochschulen als Entwicklungspartner für "Stadtmitte am Fluss" (11.12.2007, 20:00)
    Presseerklärung der Landeshochschulrektorenkonferenz des SaarlandesDie Konferenz der Hochschulrektoren des Saarlandes (LRK Saarland) bietet der Landeshauptstadt und dem Land ihre Unterstützung für Planung, Vorbereitung, Durchführung und...
  • BildAlles gut im Fluss? (13.11.2007, 14:00)
    Gefäßtag am Universitätsklinikum Jena am 17. November bietet Gefäß-Checks und Informationen(Jena) Gefäßerkrankungen gehören zu den großen Volksleiden: Jeder 3. Bundesbürger über 40 Jahre hat "verkalkte Gefäße", so die Deutsche Gesellschaft für...
  • BildWortschatz auf 850.000 Zetteln gesammelt (20.02.2007, 11:00)
    Über 850.000 Zettel benötigte der siebenbürgische Pfarrer Friedrich Krauß, um in rund 60 Jahren den Wortschatz der Sprache seiner Heimat zu sammeln. Als er 1978 verstarb, ging sein Nachlass an das Institut für Geschichtliche Landeskunde der...
  • BildIdeen für "Freizeit am Fluss" prämiert (09.02.2006, 12:00)
    Das Hydro-Akustik-Quiz erhält den ersten Preis beim Naturathlon-IdeenwettbewerbBonn, 9. Februar 2006: Die Gewinner des Ideenwettbewerbs des Naturathlon 2006 stehen fest. Aus 117 Beiträgen hat die Jury neun Aktionen und Spiele am Fluss ausgewählt,...
  • Bild"Wald im Fluss - Management bewaldeter Hochwasserrückhalteräume" (17.11.2005, 10:00)
    Die Jahrhunderthochwässer an Rhein, Elbe und Oder in den vergangenen Jahren, aber auch das jüngste Hochwasser im Donaueinzugsgebiet im August diesen Jahres haben es deutlich gezeigt: Veränderungen der Landnutzung zusammen mit Klimawandel haben...
  • BildDer Fluss unter dem Fluss (15.08.2005, 13:00)
    Am Sonntag, 28. August 2005 um 11.30 Uhr laden die Region Hannover und das Zentrum für Gartenkunst und Landschaftsarchitektur der Universität Hannover zum letzten Mal in diesem Sommer zu einer literarischen Sonntagsmatinee aus der Reihe...

Ähnliche Themen in den JuraForen


Kommentar schreiben

7 - S,ieben =

Bisherige Kommentare zur Nachricht (0)

(Keine Kommentare vorhanden)



Fragen Sie einen Anwalt!
Anwälte sind gerade online.
Schnelle Antwort auf Ihre Rechtsfrage.

JuraForum-Newsletter

Kostenlose aktuelle Urteile und Rechtstipps per E-Mail:

Top 10 Orte in der Anwaltssuche

JuraForum-Suche

Durchsuchen Sie hier JuraForum.de nach bestimmten Begriffen:

© 2003-2017 JuraForum.de — Alle Rechte vorbehalten. Keine Vervielfältigung, Verbreitung oder Nutzung für kommerzielle Zwecke.