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Wissenschaftler der Freien Universität erforschen Schicksal von Opfern des DDR-Grenzregimes

10.08.2012, 17:10 | Wissenschaft | Autor: idw | 0 Kommentare

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Wissenschaftler der Freien Universität haben den Auftrag erhalten, das Schicksal aller Opfer des DDR-Grenzregimes zu erforschen. In dem von Kulturstaatsminister Bernd Neumann sowie den Länder Sachsen-Anhalt, Niedersachsen und Hessen finanzierten und heute an der Gedenkstätte Berliner Mauer vorgestellten Projekt sollen alle Todesfälle an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze untersucht und die Biografien der Opfer erstellt werden. Das Schicksal dieser Opfer ist noch nicht grundlegend erforscht.

Als Ergebnis des Forschungsprojektes wird ein Totenbuch mit Kurzbiographien der Grenzopfer erscheinen. Die Leitung des Projekts im Forschungsverbund SED-Staat der Freien Universität Berlin liegt bei Prof. Dr. Klaus Schroeder und Dr. Jochen Staadt. Das Projekt läuft bis Ende 2015.

Die Wissenschaftler wollen in Zusammenarbeit mit dem Team des Centers für digitale Systeme (CeDiS) der Freien Universität eine ausführliche und insbesondere für die politische Bildung und den Schulunterricht aufbereitete Präsentation der Biographien aller Männer, Frauen und Kinder im Internet zugänglich machen, die Opfer des DDR-Grenzregimes an der knapp 1.400 Kilometer langen innerdeutschen Demarkationslinie wurden. Der Leiter des Forschungsverbunds SED-Staat, Prof. Dr. Klaus Schroeder betonte, die Erinnerung an sie sei auch mehr als 20 Jahre nach dem Fall der Mauer wichtig: „Ihre Beweggründe und ihr Leben vor dem Fluchtversuch sollen nicht in Vergessenheit geraten.“

Für ihre Untersuchung werten die Wissenschaftler Archive in Ost- und Westdeutschland aus, darunter Schriftgut mehrerer Landesarchive, des Bundesarchivs, der Stasiunterlagenbehörde, der Zentralen Erfassungsstelle der Landesjustizverwaltungen für DDR-Unrecht in Salzgitter, des Freiburger Militärarchivs. „Durch die Befragungen von Verwandten und Freunden der Todesopfer sollen die in den DDR-Überlieferungen häufig anzutreffenden diffamierenden Darstellungen über die ums Leben gekommenen korrigiert werden“, sagt Dr. Jochen Staadt vom Forschungsverbund SED-Staat der Freien Universität. In einem Teilprojekt der Gedenkstätte Marienborn wird als wichtiger Bestandteil des Gesamtvorhabens exemplarisch anhand des Bezirkes Magdeburg die Repressionsmaßnahmen gegen DDR-Bürger untersucht, die Fluchtversuche unternommen oder geplant hatten.

Das Forschungs- und Dokumentationsprojekt wurde am Freitagvormittag in der Gedenkstätte Bernauer Straße von Kulturstaatsminister Bernd Neumann, dem Kultusminister von Sachsen-Anhalt, Stephan Dorgerloh, der Ministerin für Wissenschaft und Kultur des Landes Niedersachsen, Prof. Dr. Johanna Wanka, und Staatsminister Axel Wintermeyer, Chef der Staatskanzlei Hessen, sowie der Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat der Freien Universität Berlin, Prof. Dr. Klaus Schroeder der Öffentlichkeit vorgestellt.

Weitere Informationen
- Prof. Dr. Klaus Schroeder, Forschungsverbund SED-Staat der Freien Universität Berlin, Tel.: 030 / 838-52091 , E-Mail: kschroe@zedat.fu-berlin.de. Bildquelle: Bernd Wannenmacher

- Jochen Staadt, Forschungsverbund SED-Staat der Freien Universität Berlin, Telefon: 030 / 838-55562, E-Mail: j.staadt@fu-berlin.de. Bildquelle: Bernd Wannenmacher.

Im Internet
www.fu-berlin.de/fsed

Fakten und Daten zum DDR-Grenzregime
Mehr als vier Millionen Menschen verließen zwischen 1949 und 1989 die DDR, weil sie mit den politischen Verhältnissen und den Lebensbedingungen in diesem Staat nicht einverstanden waren. Das SED-Regime war zu keinem Zeitpunkt durch die Zustimmung einer Mehrheit der ihm unterworfenen Bevölkerung legitimiert, denn die SED konnte weder zu Beginn in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und Groß-Berlin noch am Ende der deutschen Teilung in der noch existierenden DDR als SED/PDS eine freie Wahl gewinnen. Für die Mehrheit der DDR-Bürger blieb vielmehr die Bundesrepublik in politischer, kultureller und vor allem wirtschaftlicher Hinsicht der positiv besetzte Vergleichsmaßstab gegenüber den Verhältnissen im SED-Staat.

Schon unmittelbar nach der Aufteilung Deutschlands in Zonen begann die sowjetische Besatzungsmacht mit der Kontrolle ihrer Westgrenze. Bereits vor der Gründung der beiden deutschen Staaten stellte die sowjetische Militäradministration in der SBZ eine deutsche Grenzpolizei auf, in der über 10.000 Männer ihren Dienst verrichteten.

Nach der Staatsgründung verdichtete die DDR die Sicherung der Grenze, indem sie die Personalstärke der Grenzpolizei stetig erhöhte. Im Jahr 1952 errichtete der SED-Staat ein fünf Kilometer breites Sperrgebiet mit einem 500 Meter tiefen Schutzstreifen. Mehr als 8.000 Bürger wurden 1952 im Rahmen der „Aktion Ungeziefer“ als „politisch Unzuverlässige“ gezwungen, ihre Häuser und Höfe im Grenzgebiet zu verlassen. Außerdem wurde mit dem Aufbau eines etwa 1,5 Meter hohen Stacheldrahtzaunes an der innerdeutschen Grenze begonnen. Nach DDR-Statistiken flohen 1952 insgesamt 185.778 Menschen über die innerdeutsche Grenze in den Westen. Während im bürokratischen Sprachgebrauch des Regimes bis dahin von „illegalen Verzügen nach Westdeutschland“ die Rede war, wurde in der Statistik für das III. Quartal 1952 von „republikflüchtigen Personen“ gesprochen. Besonders beunruhigend für das SED-Regime war die hohe Zahl der 1952 geflüchteten Arbeiter, deren Anteil bei 36,5 Prozent der Flüchtlinge lag.

Nach einem entsprechenden Beschluss des SED-Politbüros begann 1955 die Grenzpolizei damit, die innerdeutsche Grenze auch teilweise militärisch gegen die eigene Bevölkerung abzusichern. Dennoch blieb das Sperrgebiet weiterhin durchlässig. Für das Jahr 1956 wies die Statistik der Hauptverwaltung der Deutschen Volkspolizei 316.028 Flüchtlinge aus. Mit dem Bau der Mauer im August 1961 endete für die DDR-Bürger die letzte Möglichkeit, relativ gefahrlos in die Bundesrepublik zu gelangen. Dennoch versuchten Zehntausende auf verschiedenen Wegen, die scharf kontrollierte Grenze zu überwinden. Im Laufe der Jahrzehnte wurden die „Grenzsicherungsanlagen“ stetig ausgebaut, sodass es nur etwa 40.000 Menschen (davon etwa 5.000 in Berlin) gelang, diesen Todesstreifen zu überwinden.

Nach ersten Recherchen in den BStU-Überlieferungen der für die Überwachung der Grenztruppen zuständigen MfS-Hauptabteilung I registrierte das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) im Laufe der 80er Jahre einen deutlichen Anstieg der Fluchtversuche von DDR-Bürgern. Die Zahl der 1987 bei „versuchten Grenzdurchbrüchen“ an der innerdeutschen Grenze und in Ost-Berlin festgenommenen Personen betrug 1.367, darunter 392 Festnahmen an der Ost-Berliner Mauer (Zahlenangaben ohne Seegrenze). Im Jahr 1981 erfolgten nach Volkspolizeistatistik in Ost-Berlin „nur“ 183 Festnahmen bei Fluchtversuchen. Die Zahl der dort im Vorfeld festgenommenen Fluchtverdächtigen – im MfS-Jargon „aufgedeckte Vorbereitungshandlungen“ belief sich 1981 auf 609 Personen. Diese Festnahmen wurden zu über 80 Prozent durch die Volkspolizei ausgeführt.

Aus Unterlagen der MfS-Hauptabteilung I über den Schusswaffeneinsatz zur Vereitelung von Fluchtversuchen an der innerdeutschen Grenze geht hervor, dass daran nicht nur Grenzsoldaten beteiligt waren, sondern im Bereich der Grenzübergangsstellen auch Angehörige des DDR-Zolls und der Passkontrolleinheiten. Die soziale Zusammensetzung der geflüchteten oder bei Fluchtversuchen Festgenommenen entsprach in etwa der in den 50er Jahren. Im Jahr 1982 registrierte die Volkspolizei, unter den festgenommenen Fluchtwilligen 36,8 Prozent Facharbeiter, 19,4 Prozent ungelernte Arbeiter, 6,4 Prozent Schüler und Studenten, 2,1 Prozent Akademiker, 1,1 Prozent medizinisches Personal. Zu 44,5 Prozent handelte es sich dabei um DDR-Bürger im Alter zwischen 18 und 25 und zu 31,8 Prozent im Alter zwischen 25 und 35 Jahren.

Die genaue Zahl der durch Minen und Selbstschussanlagen ums Leben gekommenen oder verletzten Flüchtlinge ist bis heute nicht bekannt. Einer internen Analyse des Chefs Pionierwesen der DDR-Grenztruppen aus dem Jahr 1979 sind folgende Angaben über die seit 1961 errichteten Minensperren zu entnehmen:
1961: Typ 61 Minen POMS auf ca. 150 km;
1962–1965: Minensperren Typ 62 PMD – 6 auf 800 km;
ab 1966: Minensperren Typ 66 PMN, PMP-71, PPM-2 auf 300 km;
ab 1970: Minensperren SM-70 mit Splitterminen 70 auf 470 km.

In den Minensperren der Typen 61, 62 und 66 wurden im Rahmen von Erneuerungsmaßnahmen bis 1979 insgesamt 1.125.000 Minen neu verlegt und 665.000 alte Minen auf 1017,4 km geräumt. Von 1976 an wurden etwa 400.000 Minen zusätzlich in den Grenzabschnitten verlegt, die durch Flüchtlinge überwunden worden waren. Aufgrund einer internationalen Verpflichtung der UNO und auf Druck des Bayrischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß ordnete die SED-Führung 1983 die Entfernung der Splitterminen an.

Weitere Informationen:
- http://www.fu-berlin.de/presse/informationen/fup/2012/fup_12_219/index.html Pressefotos zum Herunterladen

Quelle: idw



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