Suchen Sie jetzt einen Anwalt:
   

JuraForum.deNachrichtenWissenschaftStudie: Was Meinungsmacher über Religion denken 

Studie: Was Meinungsmacher über Religion denken

16.05.2012, 12:10 | Wissenschaft | Autor: | Jetzt kommentieren


Chefredakteure halten Ideologiekritik am Christentum für überholt – Islam kritisch bewertet / Untersuchung „Religion bei Meinungsmachern“ von Wissenschaftlern des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ der Universität Münster

Führende deutsche Journalisten halten Ideologiekritik an den christlichen Kirchen laut einer neuen Studie mehrheitlich für überholt. „Die meisten Meinungsmacher sehen eine kulturelle Renaissance der christlichen Religion – in Abgrenzung zum Islam“, heißt es in der Untersuchung „Religion bei Meinungsmachern“ von Wissenschaftlern des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ der Uni Münster. Die befragten Chefredakteure und Kommentatoren betrachten das Christentum, unabhängig von ihrer eigenen Religiosität, als legitime Kraft zur Sicherung der öffentlichen Moral und der gesellschaftlichen Integration. „Negative Bewertungen von Religion gelten dagegen der ‚Fremdreligion’ des Islams, der oft mit Gewalt in Verbindung gebracht wird.“ Alle Befragten sehen eine beträchtliche Zunahme der öffentlichen Sichtbarkeit von Religion.

Bis Ende der 1990er Jahre sei unter Journalisten und Intellektuellen eine ideologische Abwertung des Christentums „als Hemmschuh der Moderne oder als Aberglauben“ verbreitet gewesen, schreiben die Autoren der Studie, die Soziologin Dr. habil. Christel Gärtner und die Theologen und Sozialethiker Prof. Dr. Karl Gabriel und Prof. Dr. Hans-Richard Reuter. „Die Kirchen wurden als gesellschaftliche Randerscheinung betrachtet. Diese Haltung ist unter Meinungsmachern nicht mehr zu finden. Sie sehen die Kirchen als wesentliche zivilgesellschaftliche Kraft in einer Situation des Umbruchs.“

Durch die Globalisierung, die wachsende Vielfalt der Religionen und einen radikalisierten Islam sei viel Verunsicherung entstanden, so die Wissenschaftler, auf deren Buch auch die aktuelle Ausgabe der ZEIT-Beilage „Christ und Welt“ hinweist. „Aus Sicht der Journalisten können die Kirchen Orientierung geben, indem sie helfen, die eigene religiös-kulturelle Identität zu stärken“. Ihre individuelle Religiosität, Weltdeutung und ihr moralisches Handeln definieren die befragten Journalisten jedoch meist in Spannung zu den institutionellen Vorgaben des kirchlich verfassten Christentums.

Religion und Gewalt

Die Autoren haben für die qualitative Studie, die im VS-Verlag in Wiesbaden erschienen ist, nicht-standardisierte, später anonymisierte Interviews mit 18 Chefredakteuren und Ressortleitern von überregionalen Printmedien sowie TV und Radio geführt. Sie befragten sie detailliert über den Nachrichtenwert von Religion, über Gründe für die Zunahme der Berichterstattung sowie über die eigenen religiösen und normativen Orientierungsmuster. Insbesondere die Bedeutung von Religion für das berufliche Handeln von Journalisten wurde bislang kaum untersucht. Die Daten wurden 2007 erhoben, als die medial breit vermittelte Papstwahl noch stark im Bewusstsein war, und vor Beginn des Missbrauchsskandals in der Kirche. „Die Daten können dadurch positiver ausgefallen sein, als wenn wir sie heute erheben würden“, erklären die Forscher. „An den gesellschaftlichen und religionspolitischen Umständen hat sich aber wenig geändert.“

Die befragten Journalisten sehen das Thema Religion auch im Zusammenhang mit religiös motivierter Gewalt und politischen Konflikten, wie die Befragung ergab. Daraus leiten sie einen hohen Nachrichtenwert für die Berichterstattung ab. Als Zäsur betrachten die Medienmacher die Attentate des 11. Septembers 2001. „Wenn Religion unter führenden Journalisten negativ bewertet wird, betrifft das also vornehmlich den Islam“, schreiben die Autoren. Viel mediale Aufmerksamkeit erlange Religion auch durch Veränderungen im Mediensystem: „Die Chefredakteure stellen beim Publikum ein stetig wachsendes Bedürfnis nach schönen Bildern und großen Events fest. Papst Johannes Paul II. hat dieses Potenzial von Religionen für mediale Inszenierungen besonders aufgezeigt.“

Die Chefredakteure messen der Religion im Mediengeschehen keine Sonderstellung bei, wie aus den Interviews hervorgeht. Vielmehr folge die Berichterstattung üblichen journalistischen Auswahlkriterien wie Neuigkeit, Nähe, Konflikt und Tragweite. Letzteres Kriterium führt der Studie zufolge dazu, dass Medien vor allem über Religion als Massenphänomen in kirchlichen Kontexten berichten, „weil Millionen von Menschen den Kirchen angehören und kirchliche Feste ihren Jahreskreis strukturieren“. Der in den 1980er Jahren üblichen Berichterstattung über eine frei flottierende, nicht-institutionalisierte Religiosität, etwa über Esoterik, messen die befragten Journalisten kaum Bedeutung zu.

Die persönliche Religiosität der Befragten ähnelt den Mustern, die die Journalisten für die Berichterstattung formulieren: Die neue religiöse Vielfalt mit einem großen muslimischen Bevölkerungsanteil motiviert sie, die Wurzeln der eigenen Kultur im Christentum zu suchen und sich der eigenen kulturellen Identität zu vergewissern. „Diese sehen die Meinungsmacher in einer geglückten Verbindung aus Christentum, Humanismus und Aufklärung“, schreiben die Autoren. „Für eine solche Verbindung machen sie im Islam im Unterschied zum Christentum prinzipielle Hindernisse aus.“ (vvm)

Literaturhinweis: Christel Gärtner, Karl Gabriel, Hans-Richard Reuter: Religion bei Meinungsmachern. Eine Untersuchung bei Elite-Journalisten in Deutschland, Wiesbaden: Springer VS, 2012. ISBN 978-3-531-18443-2, 300 Seiten, 39,95 Euro.

Kontakt:
Viola van Melis
Zentrum für Wissenschaftskommunikation
des Exzellenzclusters „Religion und Politik“
Johannisstraße 1-4
48143 Münster
Tel.: 0251/83-23376
Fax: 0251/83-23246
religionundpolitik@uni-muenster.de
www.religion-und-politik.de

Weitere Informationen:
- http://www.religion-und-politik.de Exzellenzcluster "Religion und Politik" an der Universität Münster

Quelle: idw


Weitere Nachrichten zum Thema
  • BildGehorsam – Ordnung – Religion: RUB-Studie über konfessionelle Heimerziehung als Buch erschienen (24.11.2011, 16:10)
    Die knapp 600 Seiten starke Studie der Bochumer Forscher Bernhard Frings und Uwe Kaminsky zur konfessionellen Heimerziehung in Deutschland von 1945 bis 1975 ist unter dem Titel „Gehorsam – Ordnung – Religion“ als Buch erschienen (Aschendorff...
  • BildReligion als Identitätsstifter (23.10.2009, 18:00)
    Das Bamberger Theologische Forum beginnt am 29. OktoberAn fünf Abenden widmet sich das Bamberger Theologische Forum in diesem Winter einer höchst aktuellen Problematik: Identitätsverlust in der Fremde und Identitätsstiftung durch Religion. Dass...
  • BildReligion in Modernisierungsprozessen (18.05.2009, 15:00)
    Die Graduiertenschule "Religion in Modernisierungsprozessen" der Universität Erfurt wird am Dienstagabend (19. Mai 2009) feierlich eröffnet. Derzeit 35 Nachwuchswissenschaftlern, die Fragestellungen auf dem Gebiet der Religionsforschung nachgehen,...
  • BildBuchvorstellung "Was ist Religion?" (29.04.2008, 15:00)
    Vorträge der gleichnamigen Ringvorlesung im JubiläumsjahrWeltweit ist das Interesse an Religion in den letzten Jahren erstaunlich stark angestiegen. Mit der Ringvorlesung "Was ist Religion?" wollte das Gießener Institut für Evangelische Theologie...
  • BildBraucht Bildung Religion - Religion Bildung? (11.01.2008, 11:00)
    Zusammenfassung einer Podiumsdiskussion des IFR in der MDR 1 Kulturnacht am 13. Januar"Braucht Bildung Religion - Religion Bildung?" lautete der Titel einer Podiumsdiskussion, die im vergangenen Oktober das Interdisziplinäre Forum Religion an der...
  • BildBraucht Bildung Religion - Religion Bildung? (26.10.2007, 10:00)
    Gemeinsame Veranstaltung des Interdisziplinären Forum Religion und der Bertelsmann Stiftung im Erfurter Rathaus"Braucht Bildung Religion - Religion Bildung?", so lautet der Titel einer Podiumsdiskussion, die am Dienstag, dem 30. Oktober 2007 im...
  • BildReligion: zeitgemäß? (15.05.2007, 17:00)
    "Wie Religion heutzutage Alltag und Kultur beeinflusst" - Mit diesem Problem setzen sich Religionswissenschaftler der Universität Leipzig erstmalig auf einer öffentlichen Podiumsdiskussion auseinander.Zeit: 19. Mai 2007, 14:30 Uhr bis 17:00...
  • BildTag der Religion (10.05.2006, 13:00)
    Philosophische Fakultät lädt Lehrer und Schüler am Freitag an die Universität Erfurt ein Zum zweiten Mal lädt am Freitag (12. Mai) das Seminar für Religionswissenschaft zum "Tag der Religion" an die Universität Erfurt ein. Die Professoren und...
  • BildReligion in den Medien (15.02.2006, 10:00)
    Die Papstwahl und der Papstbesuch in Deutschland haben das Thema Religion und Kirche im vergangenen Jahr ebenso in die Schlagzeilen gebracht wie in diesem Jahr der Streit um Karikaturen des Propheten Mohammed. Aber welche Rolle spielt Religion...
  • BildBlack Religion (05.07.2005, 12:00)
    Ein Gastvortrag von Prof. Dr. Anthony B. Pinn führt am Mittwoch, dem 6. Juli 2005 in Grundfragen "Schwarzer Religion" und "Schwarzer Theologe" ein. Dabei wird deutlich, dass "Black Religion" mehr meint als "Black Churches" in den USA. "Black...

Ähnliche Themen in den JuraForen


Kommentar schreiben

31 + F/ ünf =

Bisherige Kommentare zur Nachricht (0)

(Keine Kommentare vorhanden)



JuraForum.deNachrichtenWissenschaftStudie: Was Meinungsmacher über Religion denken 

Fragen Sie einen Anwalt!
Anwälte sind gerade online.
Schnelle Antwort auf Ihre Rechtsfrage.

JuraForum-Newsletter

Kostenlose aktuelle Urteile und Rechtstipps per E-Mail:

Top 10 Orte in der Anwaltssuche

JuraForum-Suche

Durchsuchen Sie hier JuraForum.de nach bestimmten Begriffen:

© 2003-2016 JuraForum.de — Alle Rechte vorbehalten. Keine Vervielfältigung, Verbreitung oder Nutzung für kommerzielle Zwecke.