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Religionspolitik bevorzugt Kirchen gegenüber dem Islam

26.09.2012, 14:10 | Wissenschaft | Autor: | Jetzt kommentieren


Exzellenzcluster untersucht im Wintersemester Probleme religiöser Vielfalt – Forscher schlägt Enquetekommission zur Pluralität der Religionen vor

Die deutsche Religionspolitik bevorzugt nach Expertenmeinung immer noch die großen christlichen Kirchen gegenüber anderen Religionsgemeinschaften wie dem Islam. "Die Muslime kämpfen seit den 1990er Jahren für eine Religionsfreiheit, die alle gleich behandelt. Das dauert viel zu lange", sagte Politikwissenschaftler Prof. Dr. Ulrich Willems vom Exzellenzcluster "Religion und Politik" der Universität Münster. Erst langsam seien Erfolge zu sehen wie der bundesweit erste reguläre Islamunterricht in NRW, der erste Entwurf eines Ländervertrags mit Muslimen in Hamburg und die bundesweit drei Zentren für Islamische Theologie. Der Forscher kündigte eine öffentliche Ringvorlesung zum Thema "Religiöse Vielfalt. Eine Herausforderung für Politik, Religion und Gesellschaft" an. Die Reihe des Exzellenzclusters und des neuen "Centrums für Religion und Moderne" (CRM) beginnt am 9. Oktober.
"Religiöse Vielfalt bleibt eine Herausforderung in Europa", unterstrich der CRM-Sprecher. Sie habe durch Zuwanderung nicht-christlicher Menschen und eine wachsende Zahl an Konfessionslosen zugenommen. Der Forscher plädierte für eine Enquetekommission auf Bundes- oder Länderebene zu drängenden Fragen religiöser Pluralität in Deutschland. Die Bevölkerung sei auf das Problem nicht vorbereitet. "Es gab nie eine Debatte zur Religionspolitik. Sie blieb Sache der Gerichte und politischen Eliten. Hier besteht viel Nachholbedarf." Wenn heute rechtliche Ausnahmen für religiöse Minderheiten gemacht würden – etwa zum Schächten, zur Jungen-Beschneidung oder zum Ruf des Muezzin – nähmen die Menschen dies fälschlicherweise so wahr, als müssten sie sich neu Hinzugekommenen anpassen. "Hier fehlt es an Aufklärung."
Religiöse Vielfalt von der Antike bis heute
Viele religionspolitische Konflikte beruhen nach Meinung des Experten auf einer Bevorzugung der christlichen Kirchen: Die Religionspolitik sei durch verfassungsrechtliche Regelungen und die Staatskirchenverträge sehr stark auf sie zugeschnitten. So hätten die Zeugen Jehovas lange klagen müssen, um denselben Körperschaftsstatus zu erlangen. Anderen Religionsgemeinschaften wie dem Islam fehlten dafür Voraussetzungen wie die Mitgliederstruktur oder der einheitliche Ansprechpartner für den Staat. "Sie kommen nicht in den Genuss vieler Vorteile. Das führt zur Asymmetrie."
Die Ringvorlesung des Exzellenzclusters wird zahlreiche Beispiele religiöser Pluralität analysieren, von der Antike über das Mittelalter und die Frühneuzeit bis zu Deutschland, England, China und den USA heute. "Die Modelle und Praktiken anderer Epochen und Kulturen können keine Blaupause, aber Anregungen für die Lösung heutiger Probleme geben", so Prof. Willems. Zu Wort kommen Religions-, Geschichts-, Islam- und Rechtswissenschaft sowie Theologie, Sinologie, Soziologie und Politikwissenschaft. Die Vorträge sind dienstags von 18.15 bis 19.45 Uhr im Hörsaal F2 des Fürstenberghauses am Domplatz 20-22 in Münster zu hören.
Die Reihe vergleicht zwischen verschiedenen Religionen wie Christentum, Islam, Buddhismus und Hinduismus. Mehrere Vorträge befassen sich mit der Reaktion der christlichen Konfessionen auf religiöse Vielfalt. "Die großen Kirchen haben ihre Monopolstellung in Politik und Gesellschaft verloren. Sie müssen neue Wege finden, ihre Interessen zu kommunizieren und durchzusetzen", so Prof. Willems. Auch der rechtliche, sozial- und wirtschaftspolitische Umgang mit der Vielfalt steht im Programm der Reihe. Ein Blick in die Religionsgeschichte gilt der Esoterik und Astrologie. Die Weisheitslehren und okkulten Wissenschaften, die die spirituelle Entwicklung des Individuums hervorheben, gibt es dem Forscher zufolge seit der Antike. Sie hätten nichts mit "wissenschaftlich fragwürdigen Büchern und TV-Sendungen" von heute zu tun. Die Ringvorlesung schließt an die Cluster-Reihe "Integration religiöser Vielfalt" 2010 an.
"Die Wissenschaft kann keine Rezepte für den politischen Alltag liefern. Sie kann aber helfen, verfestigte Wahrnehmungsmuster aufzubrechen", sagte Politikwissenschaftler Willems. So sei "der" Islam in seiner Geschichte und Gegenwart, genau wie das Christentum, wesentlich vielschichtiger, als viele meinten. Unzutreffende Vorstellungen herrschten auch über eine vermeintliche religiöse Einheit in der Geschichte Europas. "Das Mittelalter etwa war nie so homogen, wie der aktuell oft verwendete Begriff ‚Christliches Abendland‘ nahelegt. Schon damals war das Christentum heterogen und definierte sich in Abgrenzung zum Islam." (vvm)

Kontakt:
Viola van Melis
Zentrum für Wissenschaftskommunikation
des Exzellenzclusters "Religion und Politik"
Johannisstraße 1-4
48143 Münster
Tel.: 0251/83-23376
Fax: 0251/83-23246
religionundpolitik@uni-muenster.de
www.religion-und-politik.de

Weitere Informationen:
- http://www.uni-muenster.de/Religion-und-Politik/audio/2012/Audio_Ringvorlesung_Religioese_Vielfalt.html

Quelle: idw


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