Suchen Sie jetzt einen Anwalt:
   

JuraForum.deNachrichtenWissenschaft„Reformationsgedenken zu sehr auf Luther zentriert“ 

„Reformationsgedenken zu sehr auf Luther zentriert“

28.10.2014, 12:11 | Wissenschaft | Autor: | Jetzt kommentieren


Historiker kommentiert kirchliche und staatliche Gedenkaktivitäten zum Jubiläum 2017

Die kirchlichen und staatlichen Aktivitäten zum Reformationsjubiläum 2017 sind aus Historikersicht „ein Musterfall für das schwierige Verhältnis von Wissenschaft und Öffentlichkeit“. In Ausstellungen, Tourismus-, Schul- und Musikprojekten werde die Erinnerung an die religiöse Erneuerungsbewegung sehr stark auf den Wittenberger Reformator Martin Luther (1483-1546) zugespitzt, schreibt Reformationshistoriker Prof. Dr. Matthias Pohlig vom Exzellenzcluster „Religion und Politik“ auf www.religion-und-politik.de. Dies sei einer der Gründe dafür, warum Reformationshistoriker ein Problem mit den Jubiläumsaktivitäten hätten.

„Gerade die Luther-Zentriertheit der Lutherdekade ist für eine historische Forschung, die sich seit Jahrzehnten bemüht, die sozialen, politischen und kulturellen Umbrüche um 1500 zu beschreiben, ohne in die Falle einer Geschichte großer Männer zu tappen, ein Problem“, schreibt der Wissenschaftler in dem Beitrag „Vom Fremdeln mit dem Reformationsjubiläum 2017“. Während die Kirche die Identifikationspotenziale der Reformation suche und mit vielen Jubiläumsaktivitäten einem Bedürfnis nach Identitätsstiftung und Selbstvergewisserung nachkomme, bemühten sich Historiker in kleinteiliger kulturhistorischer Forschung „um Dekonstruktion des allzu vertraut Scheinenden“. Die verbreitete Vorstellung von einem „Luther der Moderne, Vorkämpfer von Freiheit und Toleranz“ komme dabei nicht mehr in Frage, genauso wenig wie das im Rahmen der Lutherdekade diskutierte Gegenteil: „Luther ist eben auch nicht der Unmoderne, Repressive, der Intolerante.“

Prof. Pohlig erörtert in seinem Beitrag verschiedene Gründe, warum viele Historiker nach seiner Einschätzung „mit dem Jubiläumshype fremdeln“. So seien nicht-theologische Reformationshistoriker weniger institutionell und gedanklich in die evangelische Kirche integriert als Kirchenhistoriker und teilten insofern nicht das Ziel der Identitätsstiftung, das sich oft mit Jubiläen verbinde. Zudem sähen akademische Historiker in Formaten der Geschichtsvermittlung wie Dokudramas, Geschichtscomics oder historischen Events die Gefahr einer Verflachung oder Verfälschung. „Auswüchse der Lutherdekade“ seien etwa Luther-Raps und -songs bei YouTube, Ratgeberliteratur, kitschige Bücher mit Lutherzitaten oder das Aussenden von Schülern als „Lutherbotschafter“ in andere Länder. Auch darin liege das Fremdeln begründet.

Eine weitere Ursache sieht der Autor in der Skepsis vieler Historiker gegenüber der Rolle des public intellectuals, in die sich noch in den 1980er Jahren viele Fachkollegen gern begeben hätten. Die damalige „sozialhistorische Debattenfreudigkeit“ habe auch den Blick auf die Reformation geprägt: „Das letzte große Jubiläum, das Lutherjahr 1983 zum 500. Geburtstag des Reformators, stand ganz im Zeichen der erbitterten Ost-West-Systemkonkurrenz.“ Luther sei für Diskussionen über sich verändernde soziale und politische Strukturen und eine „frühbürgerliche Revolution“ herangezogen worden. Damit wurde dem Autor zufolge genau die Leitfrage behandelt, die auch zum Gedenken 2017 im Zentrum stehe: „Was hat Luther mit uns zu tun und was wir mit Luther?“ Heute hingegen sei „just zum Jubiläum weit und breit keine integrierende Perspektive zu sehen“. Wenn Kulturwissenschaftler sich zum Beispiel mit Ritualen um 1520 oder mit dem Verhältnis der Reformatoren zur Körperlichkeit beschäftigten, ließen sich kaum übergreifende Perspektiven generieren. „Eine solche integrierende, Kontroversen stimulierende Perspektive wäre aber nötig, wollte die akademische Reformationsforschung die inhaltlichen Leitlinien von 2017 umfassend mitprägen.“

Den Nutzen der Lutherdekade für die geschichtswissenschaftliche Forschung sieht Prof. Pohlig skeptisch. Zwar sei die Zahl der reformationshistorischen Konferenzen und Publikationen nun erheblich angestiegen. „In diesem Rahmen wird, so mein Eindruck, noch sorgloser als sonst Geld für zweifelhafte Tagungen und zusammenhanglose Sammelbände ausgegeben – ein Indiz für eine Eventisierung auch des Wissenschaftsbetriebs.“ Mit Blick auf den „im engeren Sinne wissenschaftlichen Ertrag“ sei das Reformationsjubiläum „irrelevant“.

Prof. Dr. Matthias Pohlig ist Juniorprofessor für die Geschichte der Frühen Neuzeit am Historischen Seminar der Uni Münster. Am Exzellenzcluster leitet er das Projekt C2-14 „Fromme Fürsten. Differenzierung und Entdifferenzierung von Funktionssystemen und Akteursrollen im konfessionellen Zeitalter“. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Reformations- und Konfessionalisierungsforschung, die Geschichte der frühneuzeitlichen Außenbeziehungen sowie die Ideen- und Kulturgeschichte der Frühen Neuzeit. Der Beitrag zum Reformationsgedenken findet sich in der Rubrik „Ansichtssachen“ der Website des Exzellenzclusters.

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) veranstaltet zur Vorbereitung auf das Reformationsjubiläum 2017 eine Lutherdekade mit zahlreichen Jahresthemen wie 2014 „Reformation und Politik“ und 2015 „Reformation – Bild und Bibel“, die bundesweit in Veranstaltungen und Ausstellungen behandelt werden. Bis zum Jubiläumsjahr sind darüber hinaus zahlreiche Gedenkaktivitäten geplant, an denen sich die Kirchen und andere Initiativen gemeinsam mit Bund, Ländern und Gemeinden beteiligen. (vvm)

Weitere Informationen:
- http://www.religion-und-politik.de/aktuelles/2014/okt/Ansichtssache_Reformationsgedenken_zu_sehr_auf_Luther_zentriert.html - Der Beitrag „Vom Fremdeln mit dem Reformationsjubiläum 2017. Über die Rolle der Geschichtswissenschaft bei den Aktivitäten zum Luther-Gedenken“ auf der Website des Exzellenzclusters.

Quelle: idw


Weitere Nachrichten zum Thema
  • BildJahresmagazin 2013 der Martin-Luther-Universität erschienen (13.01.2014, 12:10)
    Erneut präsentiert die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) bedeutende Ereignisse und Entwicklungen des vergangenen Jahres in einem Jahresmagazin. „Einiges von dem, was die Uni im zurückliegenden Jahr bewegt hat, ist im neuen Magazin...
  • BildLuther in Deutschland und Brasilien (27.08.2013, 13:10)
    Theologe der Universität Jena spricht in Brasilien zur ReformationsforschungZu Lebzeiten hat Martin Luther die Kirche gespalten, heute vereint er: In diesem Fall Deutschland und Brasilien. Die evangelischen Theologen Prof. Dr. Christopher Spehr...
  • BildLuther und die Bibel im Mittelpunkt (06.05.2013, 12:10)
    Kirchenhistoriker der Uni Jena wurde in den Verwaltungsrat der Stiftung Lutherhaus Eisenach gewähltProf. Dr. Christopher Spehr von der Universität Jena ist vom Kuratorium der „Stiftung Lutherhaus Eisenach“ in den Verwaltungsrat gewählt worden. Die...
  • BildAusstellung: „Gotha macht Schule. Bildung von Luther bis Francke“ (22.04.2013, 16:10)
    Das Reformationsjubiläum 2017 und der 350. Geburtstag von August Hermann Francke in diesem Jahr bilden den Rahmen für die Ausstellung „Gotha macht Schule. Bildung von Luther bis Francke“, die die Forschungsbibliothek Gotha der Universität Erfurt...
  • BildDie Martin-Luther-Universität als regionaler Wirtschaftsfaktor (07.03.2013, 11:10)
    Die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) ist mit ihren Aufgaben in Forschung und Lehre sowie mit dem damit verbundenen Innovationstransfer ein maßgeblicher Wirtschafts- und Beschäftigungsmotor in Sachsen-Anhalt. Bei einem jährlichen...
  • BildNeues Gründermagazin der Martin-Luther-Universität (13.11.2012, 15:10)
    Das neue Gründermagazin der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) ist gestern pünktlich zum Start der Univations Gründerwoche erschienen. Das Gründermagazin möchte vor allem Studierende, wissenschaftliche Mitarbeiter, Professoren und...
  • BildLuther im Kontext (25.09.2012, 10:10)
    Musikwissenschaftler veranstalten internationales Symposium vom 28.-30. September in WeimarIm Rahmen des Themenjahres Musik der Reformationsdekade lädt das Institut für Musikwissenschaft Weimar-Jena zusammen mit der Academia Musicalis Thuringiae...
  • BildLuther gewinnt Matthias Götz für M&A-Team in Frankfurt (09.05.2012, 15:29)
    Frankfurt am Main – Matthias Götz (53) tritt zum 5. Mai 2012 als Partner in das Frankfurter Büro der Luther Rechtsanwaltsgesellschaft mbH ein. Der Experte für M&A-Beratung und Gesellschaftsrecht mit langjähriger Investmentbankerfahrung wird dort...
  • BildLuther macht Schule (07.03.2012, 11:10)
    Institut für Bildung und Kultur der Universität Jena legt Band zur Protestantischen Bildung vorNäher am Volk wollten Martin Luther und seine Anhänger sein, als sie vor fast 500 Jahren eine Reformbewegung anführten, die die christliche Kirche...
  • BildLuther holt Hauptbevollmächtigten von Lloyd’s Versicherer London (16.02.2012, 14:33)
    Frankfurt am Main, 15. Februar 2012 – Burkard von Siegfried (60), bisher Hauptbevollmächtigter der Lloyd’s Versicherer London/Niederlassung für Deutschland, verstärkt ab dem 15. Februar 2012 das Versicherungsrechtsteam der Luther...

Kommentar schreiben

69 + A,c/ht =

Bisherige Kommentare zur Nachricht (0)

(Keine Kommentare vorhanden)



JuraForum.deNachrichtenWissenschaft„Reformationsgedenken zu sehr auf Luther zentriert“ 

Fragen Sie einen Anwalt!
Anwälte sind gerade online.
Schnelle Antwort auf Ihre Rechtsfrage.

JuraForum-Newsletter

Kostenlose aktuelle Urteile und Rechtstipps per E-Mail:

Top 10 Orte in der Anwaltssuche

JuraForum-Suche

Durchsuchen Sie hier JuraForum.de nach bestimmten Begriffen: