Geboren ohne Nase: Genetische Ursache entschlüsselt

11.01.2017, 15:10 | Wissenschaft | Autor: | Jetzt kommentieren


Göttinger Forscher klären genetische Ursache für fehlende Nasenentwicklung bei Patienten mit Arhinie und Bosma-Syndrom. Zugleich entdecken sie dabei mögliche Behandlungsansätze für eine angeborene Muskelerkrankung. Veröffentlicht in der Fachzeitschrift „Nature Genetics“.

(umg) Äußerst selten ist die Erkrankung, weltweit sind weniger als fünfzig Betroffene beschrieben: Menschen mit einer sogenannten „Arhinie“ haben keine oder eine nicht vollausgebildete Nase. Sind zusätzlich auch die Augen betroffen, sprechen Mediziner vom „Bosma-Syndrom“. Die genetische Ursache dieser angeborenen Erkrankung war bislang unbekannt. Jetzt wird erstmals für Betroffene eine molekulargenetische Testung, eine genaue Angabe über das Erkrankungsrisiko für Nachkommen und somit eine verbesserte humangenetische Beratung möglich sein.

Einem internationalen Forscherteam unter federführender Beteiligung der Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Bernd Wollnik, Direktor des Instituts für Humangenetik der Universitätsmedizin Göttingen (UMG), ist es gelungen, die genetische Ursache der fehlenden Nasenentwicklung bei Patienten mit Arhinie und Bosma-Syndrom zu entschlüsseln. Verantwortlich für die Erkrankung ist eine Mutation im Gen SMCHD1. Gleichzeitig haben die Forscher faszinierende Erkenntnisse über die ursächlichen, molekularen Mechanismen gewonnen. Diese könnten auch die künftige Entwicklung von neuen therapeutischen Ansätzen bei einer ganz anderen erblichen Erkrankung, der sogenannten „fazioskapulohumeralen Muskeldystrophie Typ 2“ (FSHD Typ 2), ermöglichen, deren genetische Ursache ebenfalls eine Mutation im Gen SMCHD1 ist.

Umfangreiche funktionelle Experimente zeigen nicht nur, dass SMCHD1 eine wichtige Rolle bei der Entwicklung der Nase zukommt. Sie lieferten auch neue Erkenntnisse zur allgemeinen Funktion von SMCHD1. Dieses neue Wissen wird sich nun auch, so hoffen die Forscher, als hilfreich erweisen bei der künftigen Entwicklung von neuen Ansätzen zur Therapie der Muskeldystrophie FSHD Typ 2. „Wir haben gelernt, wie und wodurch sich die Funktion des SMCHD1-Proteins steigern lässt“, sagt Prof. Dr. Bernd Wollnik. „Damit haben wir nun eine Grundlage, um neue innovative Therapien für diese schwere Muskelerkrankung zu entwickeln.“

Die Forschungsarbeiten wurden unter anderem durch den Göttinger Sonderforschungsbereich 1002 „Modulatorische Einheiten bei Herzinsuffizienz“ unterstützt. Die Ergebnisse der Studie sind am 9. Januar 2017 im renommierten Fachjournal Nature Genetics erschienen. Die Forschungsergebnisse sind ein Beispiel für die Aufgabe universitärer Medizin, sich mit der Klärung seltener Erkrankungen zu befassen.

Originalpublikation: De novo mutations in SMCHD1 cause Bosma arhinia microphthalmia syndrome and abrogate nasal development. Christopher T Gordon*, Shifeng Xue*, Gökhan Yigit*, Hicham Filali*, Kelan Chen*, Nadine Rosin, Kohichiro Yoshiura, Myriam Oufadem, Tamara J Beck, Ruth McGowan, Alex C Magee, Janine Altmüller, Camille Dion, Holger Thiele, Alexandra D Gurzau8, Peter Nürnberg, Dieter Meschede, Wolfgang Mühlbauer, Nobuhiko Okamoto, Vinod Varghese, Rachel Irving, Sabine Sigaudy, Denise Williams, S Faisal Ahmed, Carine Bonnard, Mung Kei Kong, Ilham Ratbi, Nawfal Fejjal, Meriem Fikri, Siham Chafai Elalaoui, Hallvard Reigstad, Christine Bole-Feysot, Patrick Nitschké, Nicola Ragge, Nicolas Lévy, Gökhan Tunçbilek, Audrey S M Teo, Michael L Cunningham, Abdelaziz Sefiani, Hülya Kayserili, James M Murphy, Chalermpong Chatdokmaiprai, Axel M Hillmer, Duangrurdee Wattanasirichaigoon, Stanislas Lyonnet, Frédérique Magdinier, Asif Javed#, Marnie E Blewitt#, Jeanne Amiel#, Bernd Wollnik# & Bruno Reversade# (*These authors contributed equally to this work. #These authors jointly directed this work). Nature Genetics, 2017 Jan 09, doi: 10.1038/ng.3765

FORSCHUNGSERGEBNISSE IM DETAIL

In ihrer Studie haben die Wissenschaftler das Erbgut von 14 Patientinnen und Patienten mit Arhinie untersucht. Mit neuesten molekulargenetischen Methoden des so genannten Next-Generation-Sequencing analysierten sie gezielt die proteinkodierenden Elemente aller jeweils zirka 19.000 Gene der Betroffenen. Alle Patienten trugen eine krankheitsverursachende Veränderung in demselben Gen, dem Gen SMCHD1. Die Mutationen waren in der Erbinformation der Patienten jeweils neu entstanden, das heißt nicht von den Eltern vererbt.

Dass Mutationen im Gen SMCHD1 schwer wiegende Konsequenzen für die Gesundheit haben können, war bereits bekannt. Allerdings wurden diese bislang nur im Zusammenhang mit der sogenannten fazioskapulohumeralen Muskeldystrophie nachgewiesen, einer angeborenen Muskelerkrankung, die in seltenen Fällen auch den Herzmuskel betreffen kann. „Die neuen genetischen Untersuchungen legten nun also nahe, dass Veränderungen im Gen SMCHD1 je nach Art der Mutation völlig unterschiedliche Erkrankungen hervorrufen können, die ganz unterschiedliche Organsysteme und Gewebe betreffen“, sagt Dr. Gökhan Yigit, Nachwuchsgruppenleiter am Institut für Humangenetik der UMG und einer der Erst-Autoren der Publikation.

ART DER MUTATION ENTSCHEIDET ÜBER DAS KRANKHEITSBILD

Um Aufschluss über die genauen Folgen der jeweiligen Mutationen und neue Einblicke in die Funktion des produzierten Proteins SMCHD1 zu gewinnen, führten die Forschergruppen aus Göttingen, Paris, Singapur und Melbourne mit ihren jeweiligen Kollaborationspartnern biochemische und weitere funktionelle Tests durch. Diese Untersuchungen zeigten, dass die bei Patienten mit Arhinie gefundenen Mutationen die Proteinfunktion steigern. Damit entfalten sie eine entgegengesetzte Wirkung als die FSHD verursachenden Genveränderungen, denn diese führen zu einer Funktionseinschränkung des Proteins.

Zu diesen Ergebnissen passt auch, dass beide Krankheitsbilder nicht gemeinsam auftreten: Alle beschriebenen Patienten mit SMCHD1-Mutationen zeigen entweder eine Muskelerkrankung oder eine fehlende Nase. Die Art und funktionelle Konsequenz der Mutationen in SMCHD1 entscheiden also über das auftretende Krankheitsbild.

WEITERE INFORMATIONEN
Universitätsmedizin Göttingen, Georg-August-Universität
Institut für Humangenetik
Prof. Dr. Bernd Wollnik
Telefon 0551 / 39-7589
bernd.wollnik@med.uni-goettingen.de

Quelle: idw


Weitere Nachrichten zum Thema
  • BildHerzrasen: Genetische Ursache entdeckt (23.07.2013, 16:10)
    Kammerflimmern, Bewusstlosigkeit, Tod – und das bei scheinbar völlig gesunden Menschen: Das sind die Kennzeichen des sogenannten Brugada-Syndroms. Bei der Suche nach den Ursachen dieser Krankheit ist ein internationales Team von Wissenschaftlern...
  • BildVaskulitis-Formen haben genetische Ursache (19.07.2012, 12:10)
    Ein Konsortium von 25 europäischen Studienzentren mit Beteiligung Jenaer Rheumatologen konnte die genetischen Ursachen bestimmter Vaskulitis-Formen aufdecken. Dazu erfassten die Wissenschaftler das Genom von 2900 Patienten mit dieser seltenen...
  • BildGenetische Ursache für Fehlbildung der Haut entdeckt (26.06.2012, 15:10)
    Regensburger Wissenschaftler identifizieren Auslöser des Nävus sebaceusBeim Nävus sebaceus, dem Talgdrüsen-Nävus, handelt es sich um eine vergleichsweise häufige, angeborene Fehlbildung der Haut, die aus überschüssigen Talgdrüsen besteht. Sie...
  • BildGenetische Ursache für zwei Hauterkrankungen aufgeklärt (11.06.2012, 16:10)
    Genetische Ursache für zwei Hauterkrankungen aufgeklärtForscher des Universitätsklinikums Köln an Nature-Artikel beteiligtTalgdrüsennävus (Nävus sebaceus) und Schimmelpenning-Syndrom sind Erkrankungen, die genetisch bedingte Hautveränderungen...
  • BildGenetische Ursache für Artenvielfalt der Insekten (08.06.2012, 07:10)
    TiHo-Wissenschaftler zeigen Zusammenhang zwischen evolutionären genetischen Veränderungen und ArtenvielfaltWeltweit machen Insekten mehr als 70 Prozent aller Tierarten aus, auf dem Lande sind sogar mehr als 80 Prozent aller Tiere Insekten - ein...
  • BildGenetische Ursache für häufigen Hirntumor (01.08.2011, 18:10)
    Meningeome sind gutartige, aber nicht harmlose Hirntumore, die sehr häufig vorkommen. Ein internationales Forscherteam unter Beteiligung der Neurochirurgischen Universitätsklinik und des Instituts für Humangenetik der Universität Bonn entdeckten...
  • BildGenetische Ursache von Herzschwäche entdeckt (28.04.2008, 13:00)
    S p e r r f r i s t: Montag, 28. April 2008, 20:00 Uhr MESZForscher des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin (MDC) Berlin-Buch und der Charité - Universitätsmedizin Berlin/Helios Klinikum Berlin-Buch haben jetzt Variationen in einem Gen...
  • BildGenetische Ursache für Herzinfarkt entdeckt (19.07.2007, 09:00)
    Wissenschaftler des Nationalen Genomforschungsnetzes (NGFN, ) haben mehrere Abschnitte der DNA identifiziert, in denen Gene für ein erhöhtes Herzinfarktrisiko liegen. Die NGFN-Wissenschaftler analysierten zusammen mit deutschen, britischen und...
  • BildLeipziger Forscher entdecken genetische Ursache von Übergewicht (29.05.2007, 18:00)
    Forscher der Universität Leipzig haben in Zusammenarbeit mit europäischen Arbeitsgruppen aus Frankreich, Island, Schweden und Deutschland entdeckt, dass eine Veränderung des so genannten FTO-Gens maßgeblich für die Entwicklung von Übergewicht bei...
  • BildGenetische Ursache des Nierenversagens bei Diabetes entschlüsselt (25.07.2005, 11:00)
    Genetiker des Universitätsklinikums Heidelberg haben in Zusammenarbeit mit Diabetes-Experten aus Mannheim, den Niederlanden und der Tschechischen Republik ein Gen entschlüsselt, dessen unterschiedliche Varianten bei Zuckerkranken die Entwicklung...

Ähnliche Themen in den JuraForen


Kommentar schreiben

63 + S ie.ben =

Bisherige Kommentare zur Nachricht (0)

(Keine Kommentare vorhanden)



Fragen Sie einen Anwalt!
Anwälte sind gerade online.
Schnelle Antwort auf Ihre Rechtsfrage.

JuraForum-Newsletter

Kostenlose aktuelle Urteile und Rechtstipps per E-Mail:

Top 10 Orte in der Anwaltssuche

JuraForum-Suche

Durchsuchen Sie hier JuraForum.de nach bestimmten Begriffen:

© 2003-2017 JuraForum.de — Alle Rechte vorbehalten. Keine Vervielfältigung, Verbreitung oder Nutzung für kommerzielle Zwecke.