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Die Faszination heiliger Stätten

16.10.2013, 13:10 | Wissenschaft | Autor: idw | Jetzt kommentieren

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Delphi, Rom, Jerusalem: Namhafte Forscher untersuchen am Exzellenzcluster religiöse Orte von der Antike bis heute – Ringvorlesung ab 22. Oktober

Die Faszination heiliger Orte wie Delphi, Jerusalem, Medina und Rom ergründen in den kommenden Monaten namhafte Wissenschaftler am Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Uni Münster. „Religiöse Stätten haben seit der Antike nichts von ihrer Anziehungskraft verloren, für Gläubige wie Nicht-Gläubige“, sagt Alttestamentler Prof. Dr. Reinhard Achenbach vom Vorstand des Forschungsverbundes. „Das zeigen Touristenmagnete wie die Tempel der Pharaonen, das Orakel von Delphi und der Vatikan.“ Zugleich seien heilige Stätten oft politisch und religiös umkämpft gewesen, wie heute Jerusalem. In einer öffentlichen Ringvorlesung „Heilige Orte“ präsentieren ab 22. Oktober Wissenschaftler der Archäologie, Ägyptologie, Islamwissenschaft und Theologie ihre Forschungen und Funde. Ihr Lebenswerk ist eng mit prominenten religiösen Orten verbunden. Gastgeber der Reihe sind der Exzellenzcluster und das Centrum für Geschichte und Kultur des östlichen Mittelmeerraums (GKM).

„Heilige Orte gaben der Menschheit stets Lebensdeutung und Antwort auf existenzielle Fragen“, so GKM-Sprecher Prof. Achenbach. „Sie entstanden oft an markanten Stellen in der Natur – an Quellen, auf Bergen oder in der Wüste. Religiöse Gemeinschaften verknüpften damit mythische Erzählungen und magische Rituale.“ Schon die ältesten Heiligtümer der Menschheit dienten der kosmischen Weltorientierung wie das türkische Bergheiligtum Göbekli Tepe. Die Totentempel im ägyptischen Abydos etwa hätten Jenseitshoffnungen ausgedrückt, so der Theologe. Bis heute suchten religiöse Menschen an heiligen Orten Lebensdeutung: „Juden reisen nach Jerusalem, um an der Klagemauer zu beten. Katholiken fahren nach Rom, um der Kirchentradition nah zu sein. Muslime pilgern nach Medina, um Mohammed und der Offenbarung nah zu sein.“ Die Ringvorlesung untersucht im ersten Teil Ursprünge und Wandlungen heiliger Orte, im zweiten Teil politische Interessen und im dritten Teil Erinnerungskulturen antiker Stätten.

Politischer Kampf um religiöse Orte – Beispiel Nahost

Der politische Kampf um religiöse Orte habe die Religionsgeschichte geprägt und halte bis heute an, erläutert der evangelische Theologe. Im Machtkampf zwischen konkurrierenden Ethnien und politischen sowie religiösen Gruppen würden heilige Stätten gar vernichtet. „Dieses Spannungsfeld zwischen Religion und Politik wollen wir in der Ringvorlesung aufdecken.“ Zu fragen sei etwa, welche Bedeutung Medina als Ort der Befriedungskultur des Islams für die heutige Kultur der Muslime habe, oder warum Rom trotz Säkularisierung in Europa noch eine solche Ausstrahlung habe. „Und birgt die Tatsache, dass in Jerusalem Judentum, Islam und Christentum ihren Erinnerungsort haben, keine Lösung für den Nahost-Konflikt?“

Heilige Orte dienten laut Prof. Achenbach oft der Legitimation von Herrschern, etwa im Alten Orient die heilige Stadt Nippur, die im heutigen Irak liegt. „Später versammelten sich Stämme zum Krieg um das Heiligtum, und Könige ließen ihre Herrschaft durch Orakel und religiöse Inthronisierungsrituale bestätigen. Noch heute eröffnen Parlamente ihre Sitzungsperioden mit Gottesdiensten“, sagt Prof. Achenbach. Auch Christen hätten versucht, die altrömischen und altorientalischen Religionen auszulöschen. „Dies als Verlust zu begreifen, gelingt erst durch eine rationale Betrachtung der Kulturgeschichte. Genau darum graben Archäologen heute aus, was unsere Vorfahren zerstört haben.“

Als das Orakel von Delphi seine Bedeutung verlor

Die Ausgrabung und den Erhalt heiliger Orte hält der Wissenschaftler trotz hoher Kosten für unerlässlich. „Heilige Orte sind bedeutsam für das Selbstverständnis der Menschen. Trotz zunehmender Säkularisierung sollten sie im kulturellen Gedächtnis bewahrt bleiben.“ Stätten wie Kirchen und Synagogen zu erhalten, die Gläubige noch heute religiös nutzten, diene außerdem der Religionsfreiheit. An vielen Orten Europas würden zudem profanierte Kirchen bewahrt. Das erinnere daran, dass es sich einst um einen religiösen Ort handelte. Prof. Achenbach: „Vielleicht erinnert dies die Gesellschaft daran, dass sie auf einer Tradition von Werten aufbaut, die sie ohne Wahrung der religiösen Dimension nicht gewährleisten kann.“

Die Ringvorlesung wird dem Forscher zufolge auch zeigen, wie Religionen an ein Ende kommen können und ihr Absolutheitsanspruch zerbricht. „Ältere heilige Orte wurden oft durch neue Religionen überformt. Im kleinasiatischen Doliche deuteten römische Soldaten die Gestalt eines altsyrischen Wettergottes um, sie sahen ihn als besondere Manifestation des Gottes Jupiter. Jerusalem ist im Laufe der Jahrtausende zur heiligen Stätte für drei Weltreligionen geworden und in Rom löste das Christentum die antike Kultur ab.“ Andere Orte wiederum hätten ihre Heiligkeit verloren. „So büßte das Orakel von Delphi seine Rolle als eine der wichtigsten Weissagungsstätten der antiken Welt durch die Christianisierung ein.“

Zu den renommierten Gastrednern der Ringvorlesung gehören der Erlanger Archäologe Prof. Dr. Klaus Schmidt, der das älteste Bergheiligtum auf dem Göbekli Tepe in der Türkei ausgegraben hat, der Würzburger Archäologe Prof. Dr. Ulrich Sinn, einer der besten Kenner von Olympia und Delphi, sowie der Schweizer Theologe und Autor einer Jerusalem-Standardmonografie, Prof. Dr. Max Küchler. Die Vorträge sind dienstags von 18.15 bis 19.45 Uhr im Hörsaal F2 des Fürstenberghauses am Domplatz 20-22 in Münster zu hören. Zu Wort kommen auch Vertreter der Vorderasiatischen Altertumskunde, Ur- und Frühgeschichte, Alten Geschichte, Klassischen Philologie, Bibelwissenschaften und Byzantinistik sowie der Religions- und Islamwissenschaft. Eine Besonderheit der Ringvorlesung ist, dass Forscher sich mit den Referenten in einem interdisziplinären Seminar austauschen können. (ska/vvm)

Weitere Informationen:
- http://www.uni-muenster.de/Religion-und-Politik/aktuelles/2013/okt/PM_Ringvorlesung_Heilige_Orte.html

Quelle: idw



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