BfR schlägt erweiterte EU-Kriterien zur Identifizierung endokriner Disruptoren vor

03.07.2015, 14:10 | Wissenschaft | Autor: | Jetzt kommentieren


Gefährdungspotential hormonell wirksamer Stoffe soll umfassend charakterisiert werden

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hat am 1. Juni 2015 in Brüssel auf der EU-Konferenz „Endokrine Disruptoren: Kriterien zur Identifizierung und damit verbundene Folgen“ einen erweiterten Vorschlag zur Identifizierung endokriner Disruptoren auf Basis einer komplexen Entscheidungsmatrix vorgestellt. „Der Schutz der Gesundheit muss bei der Regulierung hormonell wirksamer Stoffe höchste Priorität haben“, sagt BfR-Präsident Professor Dr. Dr. Andreas Hensel. „Deshalb empfiehlt das BfR, bei der Identifizierung endokriner Disruptoren das Gefährdungspotenzial der Stoffe umfassend zu charakterisieren.“ Nach EU-Recht sollen endokrine Disruptoren, also Stoffe, die aufgrund ihrer hormonellen Wirksamkeit die Gesundheit von Mensch und Tier schädigen können, künftig in Pestizidwirkstoffen verboten werden.

Die Wissenschaft unterscheidet zwischen endokrinen Substanzen und endokrinen Disruptoren, da hormonell wirksame Stoffe nicht notwendigerweise die Gesundheit schädigen. Nach der Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind endokrine Disruptoren von außen zugeführte Substanzen oder Mischungen, die die Funktion des Hormonsystems verändern und dadurch gesundheitlich schädliche Wirkungen im Organismus, bei seinen Nachkommen oder (Sub-)Populationen verursachen.

Die vom BfR vorgeschlagene Entscheidungsmatrix für die gesundheitliche Bewertung sieht vor, bei der Identifizierung von endokrinen Disruptoren nicht allein deren Wirkstärke („Potenz“) hinsichtlich der endokrinen Effekte zu bewerten, wie es derzeit noch in einer der Optionen der EU-Roadmap vorgeschlagen wird. Der BfR-Vorschlag zielt vielmehr darauf ab, diese Option deutlich zu erweitern und zusätzlich weitere Kriterien zu berücksichtigen. Diese sind der Schweregrad und die Reversibilität der gesundheitlichen Schäden, also die Möglichkeit, diese wieder rückgängig zu machen, die Spezifität der hormonellen Eigenschaften einer Substanz vor dem Hintergrund möglicher weiterer toxischer Eigenschaften sowie die Konsistenz, also die wissenschaftliche Nachvollziehbarkeit, der Studien. Diese Entscheidungskriterien, im Englischen als potency, severity, reversibility, specifity und consistency bezeichnet, sollen dazu dienen, Stoffe in eine der drei Kategorien „Endokrin aktive Substanz“, „Unter Verdacht stehender Endokriner Disruptor“ oder „Endokriner Disruptor“ einzuteilen. Auf Grundlage dieser Kategorien können auch auf Vorschlag der EU-Roadmap regulatorische Entscheidungen getroffen und zum Beispiel endokrine Disruptoren in Pflanzenschutzmitteln und Biozidprodukten verboten werden.

Die Europäische Kommission hat Ende 2014 die Generaldirektion Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (DG Health and Food Safety) beauftragt, Kriterien für die Identifizierung endokriner Disruptoren abschließend zu definieren, damit diese künftig im europäischen Pflanzenschutz- und Biozidrecht angewandt werden können. Aufgrund der weltweit gestiegenen Besorgnis gegenüber möglichen schädlichen Wirkungen durch hormonaktive Substanzen sollen in der EU zulassungspflichtige Biozid- und Pflanzenschutzmittel-Wirkstoffe künftig intensiver auch auf endokrin schädliche Eigenschaften untersucht werden. In der Diskussion fand der Vorschlag des BfR bei Teilnehmenden und in der EU-Kommission breite Unterstützung. An der internationalen, von DG Health and Food Safety ausgerichteten Konferenz nahmen Vertreterinnen und Vertreter der EU-Mitgliedstaaten sowie weiterer Staaten, des Europäischen Parlaments, der Wirtschaft, von Verbänden, Nicht-Regierungs-Organisationen und Medien teil.

Über das BfR

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) ist eine wissenschaftliche Einrichtung im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Es berät die Bundesregierung und die Bundesländer zu Fragen der Lebensmittel-, Chemikalien- und Produktsicherheit. Das BfR betreibt eigene Forschung zu Themen, die in engem Zusammenhang mit seinen Bewertungsaufgaben stehen.

17/2015, ende bfr-p

Weitere Informationen:
- http://^http://ec.europa.eu/health/endocrine_disruptors/events/ev_20150416_en.htm Mehr Informationen zur EU-Konferenz

Quelle: idw


Weitere Nachrichten zum Thema
  • BildStoffe als Endokrine Disruptoren nach einheitlichen wissenschaftlichen Kriterien identifizieren (22.03.2013, 14:10)
    Bundesinstitut für Risikobewertung und britische Fachbehörde Chemicals Regulation Directorate (CRD) schlagen Konzept für die gesundheitliche Bewertung vorAls endokrin wirksame Substanzen bezeichnet man Stoffe, die das Hormonsystem von Organismen...
  • BildBfR-Präsident beantwortet Verbraucherfragen im Internet (13.03.2012, 13:10)
    Zweite Ausgabe des Online-Dialogforums gestartet„Antibiotika-Einsatz im Stall - wie sicher sind unsere Lebensmittel?“ ist das Thema des zweiten Online-Dialogforums des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR). Ab dem 12. März 2012 können...
  • BildMitmachen im BfR-Schnupperlabyrinth (23.08.2011, 11:10)
    BfR lädt zu Themenwochenenden in das didaktische Pflanzenlabyrinth nach Berlin-Marienfelde einAuch an den kommenden Wochenenden lädt das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) mit besonderen Themen zum Mitmachen in sein Schnupperlabyrinth am...
  • BildBessere Identifizierung von Weichteiltumoren (03.11.2009, 11:00)
    Krebs kann sich in jeder Stelle des Körpers bilden. Selbst in Muskeln, Fett- und Nervengewebe können Tumoren entstehen. Solche Weichteiltumoren oder Sarkome zählen jedoch zu den seltenen Krebserkrankungen und werden deshalb oft nur schwer erkannt....
  • BildBfR-Vizepräsident zum Ehrenpräsidenten der OIV ernannt (08.07.2009, 13:00)
    BfR-PresseinformationBundesinstitut für RisikobewertungThielallee 88-92, D-14191 Berlin, Tel.: 030-18412-4300, Fax.: 030-18412-4970Presserechtlich verantwortlich: Jürgen Thier-KundkeBfR-Vizepräsident zum Ehrenpräsidenten der OIV ernanntArbeit von...
  • BildBfR und Afssa schließen Kooperationsvereinbarung (26.05.2009, 12:00)
    BfR - PresseinformationBundesinstitut für Risikobewertung Thielallee 88 - 92, D - 14195 Berlin, Telefon: 030-18412-4300, Telefax: 030-18412-4970 Presserechtlich verantwortlich: Jürgen Thier-Kundke10/2009, 26. Mai 2009BfR und Afssa schließen...
  • BildNeue Plattform für die Identifizierung von Proteinen (02.11.2007, 11:00)
    Diese Woche ging im Institut für Biochemie der Fakultät für Biowissenschaften, Pharmazie und Psychologie an der Universität Leipzig eine neue Plattform zur Massenspektrometrie von Proteinen in Betrieb. Dazu gehören zwei hochempfindliche...
  • BildBfR warnt erneut vor Henna-Tattoos (18.07.2007, 16:00)
    BfR - PresseinformationBundesinstitut für Risikobewertung Thielallee 88 - 92, D - 14195 Berlin, Telefon: 01888/412-4300, Telefax: 01888/412-4970 Presserechtlich verantwortlich: Dr. Irene Lukassowitz14/2007, 18. Juli 2007BfR warnt erneut vor...
  • BildDen strengen Kriterien entsprochen (18.10.2006, 11:00)
    Die Studiengänge Elektrotechnik und Informationstechnik der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig (HTWK Leipzig) wurden erfolgreich akkreditiert.Die Bachelor- und Masterstudiengänge Elektrotechnik und Informationstechnik der...
  • BildVerbraucherschutz gestärkt: BfR baut Forschungskompetenz aus (BfR-Presseinformation 11/2006) (18.04.2006, 15:00)
    BfR - PresseinformationBundesinstitut für Risikobewertung Thielallee 88 - 92, D - 14195 Berlin, Telefon: 01888/412-4300, Telefax: 01888/412-4970 Presserechtlich verantwortlich: Dr. Irene Lukassowitz11/2006, 18. April 2006Verbraucherschutz...

Ähnliche Themen in den JuraForen


Kommentar schreiben

75 + Ac _ht =

Bisherige Kommentare zur Nachricht (0)

(Keine Kommentare vorhanden)



Fragen Sie einen Anwalt!
Anwälte sind gerade online.
Schnelle Antwort auf Ihre Rechtsfrage.

JuraForum-Newsletter

Kostenlose aktuelle Urteile und Rechtstipps per E-Mail:

Top 10 Orte in der Anwaltssuche

JuraForum-Suche

Durchsuchen Sie hier JuraForum.de nach bestimmten Begriffen:

© 2003-2017 JuraForum.de — Alle Rechte vorbehalten. Keine Vervielfältigung, Verbreitung oder Nutzung für kommerzielle Zwecke.