Axel Honneth über „Das Recht der Freiheit“

02.05.2012, 13:10 | Wissenschaft | Autor: | Jetzt kommentieren


Philosoph der Goethe-Universität diskutiert zentrale Thesen seines neuen Buches in der aktuellen Ausgabe von „Forschung Frankfurt“

FRANKFURT. „Ich kriege jetzt im Augenblick, was einem ja selten direkt nach der Veröffentlichung eines Buches passiert, ziemlich hautnah die Reaktionen mit – das große Interesse, aber auch die Einwände, die Vorwürfe, die Kritik“, sagt Axel Honneth, Philosophie-Professor an der Goethe-Universität, zu der überaus breiten Resonanz auf seine große Monografie „Das Recht der Freiheit“ in einem Interview in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins „Forschung Frankfurt“ (FF 1/2012). Von einem „Ereignis in der Theoriegeschichte der Bundesrepublik“ ist in den Rezensionen die Rede und von einer „eindrucksvoll dichten Rekonstruktion der gesamten Sozialgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts“. Doch neben dieser überwiegend positiven Kritik gibt es auch skeptische Stimmen. „Im Spiegel dieser Einwände – manchmal, wie ich finde, auch Missverständnisse – bin ich von dem Wunsch getrieben, es noch einmal klarer zu sagen“, so Honneth in dem Interview mit dem Titel „’Hört mal zu, so ist’s gemeint’“. In dem Gespräch über Hauptthesen des Buches geht es auch darum, möglichen Missverständnissen auf die Spur zu kommen.

Auch mehr als ein halbes Jahr nach Erscheinen des Buches ist Axel Honneth, Direktor des Frankfurter Instituts für Sozialforschung und Gründungsmitglied des Exzellenzclusters „Die Herausbildung normativer Ordnungen“, ein vielgefragter Mann. In den zahlreichen Diskussionen und Vorträgen steht vor allem auch „Das Recht der Freiheit“ im Mittelunkt. An dem in „Forschung Frankfurt“ veröffentlichten Gespräch, das im Forschungskolleg Humanwissenschaften der Goethe-Universität in Bad Homburg stattfand, nahm auch der dänische Philosophieprofessor Morten Raffnsøe-Møller teil. Er war für einige Monate Fellow am Forschungskolleg. Raffnsøe-Møller, der an der Universität Aarhus Sozialphilosophie und politische Philosophie lehrt, hat sich in vielen Studien mit Honneth und vor allem seiner weltweit rezipierten Theorie der Anerkennung beschäftigt. „Und ich würde sagen, dass ‚Das Recht der Freiheit’ in gewisser Hinsicht eine Konklusion, ein Zusammendenken verschiedener Ansätze ist, die er seit dem ‚Kampf um Anerkennung’ verfolgt hat. Schon in diesem Zusammenhang wird das aktuelle Buch – und auch zu Recht – ein großes internationales Echo haben.“

Für Raffnsøe-Møller ist das Buch „gegen den Mainstream der politischen Philosophie geschrieben“ und könne „insofern der Debatte über soziale und gesellschaftliche Gerechtigkeit viele Impulse geben und auch zu einer Erweiterung dieser Diskussion beitragen“. Honneth sieht in der politischen Theorie der Gegenwart, so ein Zitat aus dem Buch, eine „Abkoppelung von der Gesellschaftsanalyse und damit die Fixierung auf rein normative Prinzipien“. Er selbst bevorzuge, so Honneth in dem Interview, die Methode des „Schürfens“ in der gesellschaftlichen Praxis. In seinem Buch gehe er mittels einer „normativen Rekonstruktion“ der Frage nach, „wo wir es immanent, also innerhalb der Gesellschaft, schon mit Hinweisen auf das zu tun haben, was soziale Gerechtigkeit ausmacht“.

In seiner Studie analysiert Honneth die „Wege und Irrwege der modernen, westlichen Gesellschaften“ (Raffnsøe-Møller) in den drei gesellschaftlichen Sphären demokratische Willensbildung, marktwirtschaftliches Handeln und persönliche Beziehungen. Besonders Honneths Sicht auf die moderne Familie stieß auf Kritik. In dem „Forschung Frankfurt“-Interview bekräftigt er seine These, dass steigende Scheidungszahlen auch ein Hinweis darauf sein könnten, dass die normativen Ansprüche an das, was Ehe und Familie ausmachen solle, gewachsen seien. „Während man früher in jedes mickrige Verhältnis und in jede miese Ehe eingewilligt hat und sie nicht mehr hat verlassen wollen oder können, ist man heute durchaus fähig zu sagen: Nein, das war eine Fehlentscheidung.“ Und was die immens wichtige Frage nach dem Wohl von Scheidungskindern anbelange, „hänge enorm viel“ davon ab, ob die Eltern weiterhin zum Wohl der Kinder kooperierten.

Den aktuellen Zustand des marktwirtschaftlichen Handelns beurteilt Honneth vorwiegend negativ. „Nur wäre es die falsche Konsequenz zu sagen, wir nehmen das als ein immer gleiches System wahr, auf das wir gar keinen Einfluss haben, und denken nur noch an die großen revolutionären Veränderungen von außen. Das scheint mir im Augenblick weder realisierbar noch besonders hilfreich und in irgendeiner Weise politisch sinnvoll.“ Die Sphäre der demokratischen Willensbildung leide, was Europa angehe, auch daran, dass es noch keine postnationale demokratische Öffentlichkeit gebe. „Es müsste zum Beispiel so etwas existieren wie eine die nationalstaatliche Öffentlichkeit übergreifende qualitative Presse, die Diskussionen zwischen den verschiedenen Diskursgemeinschaften in Gang setzen könnte.“

Bei aller Skepsis bleibt Honneth verhalten optimistisch. Könnte ein demokratisches Europa trotz der aktuellen Defizite gelingen? „Wir haben eine gemeinsame Geschichte, gemeinsame Erinnerungen an normative Rückschritte und moralische Verbesserungen, an Niederlagen und Siege im Kampf um die Verwirklichung der uns gemeinsamen Freiheitsversprechen. Insofern sind die Chancen da.“

Informationen: Prof. Axel Honneth, Institut für Philosophie, Campus Westend, Tel.: (069) 798-32734, Honneth@em.uni-frankfurt.de,

„Forschung Frankfurt“ 1/2012 kostenlos bestellen: ott@pvw.uni-frankfurt.de und als pdf im Internet anschauen:

Weitere Informationen:
- http://www.forschung-frankfurt.uni-frankfurt.de

Quelle: idw


Weitere Nachrichten zum Thema
  • BildWolfgang Kraushaar, Oskar Negt, Martin Seel und Axel Honneth bilanzieren die Kritische Theorie (16.01.2012, 13:10)
    Im Januar beschäftigen sich vier hochkarätige Vorträge in Weimar mit den systematischen Bedingungen, Formationen und Folgen der Kritischen Theorie. Sie setzen die Reihe »Der Ausnahmezustand als Regel« fort, die noch bis März 2012 eine umfassende...
  • BildMobile Elektronik – technische Freiheit (07.02.2011, 11:00)
    • Gemeinschaftsstand Bayern Innovativ auf der CeBIT 2011 in Halle 9 Stand B20• 15 Unternehmen, 4 Hochschulen und 6 eGovernment- Lösungen• Traditioneller Bayerntag auf dem Gemeinschaftsstand, Donnerstag, 3. März 2011• Mobile Computerlösungen in...
  • BildDeutsche Forschungsgemeinschaft rehabilitiert Professor Axel Haverich (28.04.2009, 14:00)
    "Kein wissenschaftliches Fehlverhalten" im Zusammenhang mit Nominierung zum Deutschen Zukunftspreis / Vorwürfe von Charité-Chirurg sind haltlosDie Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat heute bestätigt, dass die Vorwürfe gegen Professor Dr. Dr....
  • BildVollendete Freiheit? (23.01.2009, 17:00)
    Die vorletzte Ringvorlesung zum Thema Glück beschäftigt sich am Dienstag, dem 27. Januar 2009 mit dem Glücksbegriff klassischer Philosophen Indiens. Ass. Prof. Dr. habil. Volker Zotz von der Université du Luxembourg trägt um 18 Uhr im...
  • BildSchicksal, Freiheit und Prognose (05.11.2008, 11:00)
    Internationales Kolleg wird mit bis zu zwölf Millionen Euro gefördertBei einem Wettbewerb des Bundesministeriums für Bildung und Forschung zur Stärkung der Geisteswissenschaften hat sich ein Konzept durchgesetzt, das vom Lehrstuhl für Sinologie...
  • BildFreiheit als Pflichtfach (17.10.2008, 11:00)
    Neuer Lehrstuhl für Freiheitsforschung startet an der SRH Hochschule Heidelberg "Vor 500 Jahren wären Sie nicht auf den Marktplatz gegangen und hätten sich lauthals über den Kaiser beschwert - oder zumindest nur einmal", so die...
  • BildTUB: Formation und Freiheit (08.03.2007, 17:00)
    Präsentation einer außergewöhnlichen Panorama-Fotografie in der Universitätsbibliothek der TU BerlinDie Universitätsbibliothek der TU Berlin präsentiert in Zusammenarbeit mit der Galerie Dittmar die großformatige Fotografie "Formation und...
  • BildGesellschaft für Informatik ehrt Prof. Axel Lehmann (10.10.2006, 16:00)
    Die Gesellschaft für Informatik e.V. ernannte Prof. Axel Lehmann von der Universität der Bundeswehr München am 5. Oktober während der bundesweit größten Informatikkonferenz INFORMATIK 2006 in Dresden zum GI-Fellow. Neben Lehmann würdigte die...
  • BildDie bedrohte Freiheit (20.09.2006, 22:00)
    Wissenschaftler der Universität Jena dokumentieren Restriktionen gegen "Nature" im Dritten ReichJena (20.09.06) Seit einiger Zeit schlagen führende Wissenschaftler in den USA Alarm. Die Bush-Regierung, so ihr Vorwurf, beschneide die Freiheit der...
  • BildProbleme bürgerlicher Freiheit heute (30.09.2005, 14:00)
    Jena (30.09.05) Die ökonomischen und politischen Rahmenbedingungen des individuellen und beruflichen Lebens sind einem enormen Veränderungsdruck ausgesetzt. Einstmals feste Grundannahmen beispielsweise über das Verhältnis von Ökonomie und Politik...

Ähnliche Themen in den JuraForen


Kommentar schreiben

70 - Ach_/t =

Bisherige Kommentare zur Nachricht (0)

(Keine Kommentare vorhanden)



Fragen Sie einen Anwalt!
Anwälte sind gerade online.
Schnelle Antwort auf Ihre Rechtsfrage.

JuraForum-Newsletter

Kostenlose aktuelle Urteile und Rechtstipps per E-Mail:

Top 10 Orte in der Anwaltssuche

JuraForum-Suche

Durchsuchen Sie hier JuraForum.de nach bestimmten Begriffen:

© 2003-2016 JuraForum.de — Alle Rechte vorbehalten. Keine Vervielfältigung, Verbreitung oder Nutzung für kommerzielle Zwecke.