Auch Karpfen haben eine Persönlichkeit – zeigen das aber nur in gefährlichen Situationen

22.02.2012, 14:10 | Wissenschaft | Autor: | Jetzt kommentieren


Auch Fische haben unterschiedliche Temperamente. In Laborversuchen zeigen die Tiere jedoch nicht immer ihr wahres Gesicht.

Auch Fische haben unterschiedliche Temperamente. Berliner Verhaltensforscher fanden nun heraus, dass der stark züchterisch beeinflusste Spiegelkarpfen tollkühner ist, als der weniger domestizierte Schuppenkarpfen. Diese genetisch bedingten Unterschiede manifestieren sich vor allem bei der Futtersuche, sofern dies mit Risiken verbunden ist. Denn während die zwei Karpfenrassen im permanent gefährlichen Freiland jederzeit ausgeprägte Verhaltensdifferenzen zeigten, kamen diese im Labor nur unter simulierter Gefahr zur Geltung. Die Wissenschaftler warnen daher davor, aus Laborstudien Schlüsse auf die genetischen Hintergründe des Fischverhaltens zu ziehen und plädieren für naturnähere Freilandforschung zur “Persönlichkeit“ von Fischen. Die Studie wurde federführend am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei durchgeführt und ist in der Online Ausgabe von Behavioral Ecology and Sociobiology erschienen.

Würden Sie vom Eifelturm springen? Ja, nein, vielleicht… Solche Fragen sind uns noch aus Teenagerzeiten von Persönlichkeitstests des Dr. Sommerteams vertraut. Durch das Ankreuzen von gezielten Fragen können wir angeblich herausfinden, ob wir mutig oder ängstlich, aufbrausend oder besonnen sind. Natürlich gibt es auch seriösere, von Psychologen entwickelte Verfahren, die Einblick in unsere Persönlichkeit versprechen. Weniger bekannt ist: Auch einzelne Fische unterscheiden sich in Bezug auf ihre Temperamente. Doch wie kann man das zuverlässig messen, ohne aus Verhaltensbeobachtungen fehlerhafte Schlüsse zu ziehen?

Am Berliner Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei und der Humboldt-Universität zu Berlin hat ein Team um Thomas Klefoth und Robert Arlinghaus am Beispiel des Karpfens (Cyprinus carpio) nun einen etablierten „Charaktertest“ zur Bewertung der Kühnheit und Risikobereitschaft von Fischen auf den Prüfstand gestellt. Die Verhaltensforscher führten identische Versuchsreihen mit zwei genetisch unterschiedlichen Karpfenrassen sowohl in naturnahen Teichen als auch in großen Labortanks durch. Das Ergebnis: Im Teich benahmen sich die Tiere wie erwartet gemäß ihrem genetisch bedingten Temperament - während die dreisten Spiegelkarpfen stets hohe Risiken bei der Futtersuche eingingen, blieben die schüchternen Schuppenkarpfen so lange wie möglich im Versteck. Im Labor verhielten sich die Tiere jedoch unberechenbar. Erst als dort eine Gefahrenquelle hinzugefügt wurde – auf vorher ungefährlichen Futterplätzen gingen die Forscher plötzlich mit einer Miniangel auf Fischfang - fielen die Fische in ihre typischen Verhaltensmuster zurück: Der Spiegelkarpfen kühn, der Schuppenkarpfen scheu. Bislang bevorzugen viele Verhaltensforscher in Studien zur Fischpersönlichkeit Laborexperimente, um so mögliche Störquellen auszuschalten und unverzerrte Ergebnisse zu erlangen. Die nun vorgelegten Ergebnisse zeigten aber, dass es manchmal genau dieser Störungen bedarf, damit die Tiere ihr wahres Gesicht zeigen.

Bei dem Versuch arbeiteten die Forscher mit zwei verschiedenen Zuchtformen des Karpfens, die alle gemeinsam in der gleichen Umwelt geboren und aufgewachsen waren. Während der Schuppenkarpfen der ursprünglichen Wildform von Cyprinus carpio ähnelt und von seiner genetischen Ausstattung zu vorsichtigem Verhalten neigen sollte, ist der Spiegelkarpfen stark domestiziert und unter Anglern und Fischzüchtern für sein mutiges, „unbekümmertes“ Benehmen bekannt. Um die eigentlich erwarteten Verhaltensunterschiede nachzuweisen, bauten die Forscher sowohl im Freiland als auch im Labor das gleiche Experiment auf. In Teichen und in einem ähnlich dimensionierten Großaquarium installierten sie einen sicheren Unterschlupf und zwei offene Futterstellen, welche für die Fische nur durch die Passage einer freien Fläche zu erreichen waren. Ungeschützte Gebiete bergen zumindest theoretisch vielerlei Risiken, so dass nur die mutigsten Tiere die Freifläche regelmäßig durchqueren sollten. Die Risikobereitschaft der Versuchstiere wurde darin gemessen, wie viel Zeit die Fische außerhalb des sicheren Unterschlupfes verbrachten und wie häufig sie die Futterstellen aufsuchten. Tatsächlich besuchten die Spiegelkarpfen im Freilandversuch die Futterplätze signifikant häufiger als die Schuppenkarpfen. Im Labor konnte dieser Unterschied zur Überraschung der Wissenschaftler zunächst nicht nachgewiesen werden. Im nächsten Versuchsschritt imitierten die Forscher dann auf schonende Art eine Gefahrenquelle an den Futterplätzen, indem sie einige der Leckerbissen mit Angelhaken versahen und alle gefangenen Fische nach dem Fang wieder vorsichtig in das Wasser zurücksetzten. In Anbetracht dieser latenten Bedrohung legten die beiden Karpfenrassen schließlich auch im Labor ihre angeborenen Verhaltensmuster an den Tag.

Für den unterschiedlichen Ausgang der beiden Experimente haben die Forscher folgende Erklärung. Bei dem naturnahen Versuch im Freiland wurden die Teiche mit Wasser eines großen Natursees geflutet. Gerüche von Raubfischen aus dem See und die ständige Gefahr von Reihern ergriffen zu werden, waren hier allgegenwärtig. Die Schuppenkarpfen folgten ihren genetisch fixierten Instinkten und blieben lieber so lange wie möglich in ihrem Versteck. Die Spiegelkarpfen hingegen eroberten die ungeschützten Futtergebiete entsprechend ihrer ungestümen Haustiermanier. Im Labor wurden die Versuchsbecken in einer abgeschirmten Halle mit Leitungswasser versorgt. Von Feinden oder gefährlichen Gerüchen zunächst keine Spur. Unter diesen Umständen fühlten sich auch die eher scheuen Schuppenkarpfen nicht gehindert, den Unterschlupf zu verlassen und schlugen dann ebenso beherzt wie die Spiegelkarpfen an den Futterstellen zu. Als sich das Fressen durch die Beangelung zunehmend gefährlicher gestaltete, wurden die „Schuppis“ jedoch wieder zurückhaltender und zogen sich in den Unterstand zurück.

Zur Aufdeckung von genetisch veranlagten Temperamentunterschieden eignen sich die wirklichkeitsnäheren Freilandversuche also besser als klassische Laborversuche, weil die Fische in Teichen ihre Temperamentunterschiede jederzeit auslebten. Laborstudien müssen der nun vorliegenden Studie zufolge jedoch mindestens eine Gefahrenquelle beinhalten, um adäquate Aussagen zu genetischen Hintergründen von Kühnheit und Risikobereitschaft von Fischen treffen zu können. Wer sich ungeachtet dessen zur Beantwortung von hypothetischen Fragen in einem Bravo-Persönlichkeitstest hinreißen lässt, der sei gewarnt. Wir könnten uns in der Realität anders verhalten als gedacht. Für Fische wie Menschen gilt nämlich: Erst der richtige Test erlaubt es, zuverlässige Schlüsse auf die Persönlichkeit zu ziehen.

Eva-Maria Cyrus, Robert Arlinghaus & Thomas Klefoth

Quelle: Klefoth, T., Skov, C., Krause, J., Arlinghaus, R. The role of ecological context and predation risk-stimuli in revealing the true picture about the genetic basis of boldness evolution in fish. Behavioral Ecology and Sociobiology. Online First. DOI 10.1007/s00265-011-1303-2

KONTAKT

Thomas Klefoth
Landesfischereiverband Niedersachsen e.V.
Bürgermeister-Stümpel-Weg 1
39457 Hannover
Tel: 05 11 – 35 72 66 20
t.klefoth@lsfv-nds.de

und

Robert Arlinghaus
Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei
Abteilung Biologie und Ökologie der Fische
Müggelseedamm 310
12587 Berlin
arlinghaus@igb-berlin.de

Die Arbeit entstand im Rahmen des Projekts Adaptfish (2006 – 2010), finanziert durch den Pakt für Innovation und Forschung durch die Leibniz-Gemeinschaft (www.adaptfish.igb-berlin.de), und wurde durch ein Stipendium der Deutschen Bundestiftung Umwelt gefördert.

Quelle: idw


Weitere Nachrichten zum Thema
  • BildMini-Karpfen und Supermikroskop sorgen für neue Erkenntnisse bei Nierenkrankheiten (06.12.2013, 11:10)
    Greifswalder Forscher können wichtige Frage klärenBewegen sie sich, oder nicht? Es geht um die winzigen Füßchenzellen (Podozyten) der Niere, die für rund 70 Prozent aller Fälle von gefährlichem Nierenversagen verantwortlich gemacht werden....
  • BildBildung braucht Persönlichkeit (27.01.2012, 16:10)
    Hirnforscher Prof. Gerhard Roth hält öffentlichen Vortrag an der Universität PotsdamUnter der Überschrift „Bildung braucht Persönlichkeit – Ansätze zu neuen Formen des Unterrichts und der Lehrerausbildung“ wird sich am 15. Februar 2012 der aus...
  • BildRoboterexperten bauen Einwegroboter für Erkundungsfahrten in brenzligen Situationen (15.12.2011, 13:10)
    Der Einwegroboter kann große und oft teure andere Robotertypen unterstützen und vor Verlust schützen. Gesteuert werden er und seine Kameraden intuitiv über Werkzeuge aus dem Elektronikbaukasten. Die Entwickler kommen aus St. Augustin und Bottrop,...
  • BildWandelbare Persönlichkeit (29.08.2011, 14:10)
    Wissenschaftler aus Münster, Leipzig und Mainz haben nachgewiesen, dass wichtige Ereignisse die Persönlichkeit verändern.Was macht die Einzigartigkeit eines Menschen aus? Wie verändert er sich im Laufe der Zeit? Was ist festgelegt durch die Gene,...
  • BildStress- und Angstreaktion in sozialen Situationen werden näher erforscht (18.01.2010, 14:00)
    Seit Beginn des Jahres läuft an der TU Dresden eine Untersuchung zu den Zusammenhängen zwischen Stress und Angst in sozialen Situationen. Um die Ursachen von übergroßer Zurückhaltung, Lampenfieber und Prüfungsangst besser analysieren zu können,...
  • BildSIM-Lernziel: Mehr Persönlichkeit (18.05.2009, 16:00)
    Die Universitäten tun sich immer schwerer, geeignete Studierende für ihre Studiengänge zu finden. Gleichzeitig bemängeln die Vertreter der freien Wirtschaft, dass ihnen gut ausgebildete Absolventen, gerade im Bereich der Ingenieurswissenschaften...
  • BildAmerikas zentrale Persönlichkeit (21.01.2009, 11:00)
    Historiker der Universität Jena legt neue Biografie zu Abraham Lincoln vorJena (21.01.09) "Mit seiner bloßen Energie erweckt Lincoln in uns einen Hunger auf Schaffen und Erneuerung... Dennoch, wenn ich sein Bild betrachte, ist es der Mann, der zu...
  • BildUKJ-Kinderzimmer sichert Betreuung in besonderen Situationen (05.01.2009, 09:00)
    Universitätsklinikum Jena richtet Kurzzeitbetreuung ein / Eröffnung am 7. Januar 2009, 15.00 Uhr (Jena) Eine Kurzzeitbetreuung für Kinder von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bietet das Universitätsklinikum Jena (UKJ) ab Anfang 2009 seinen...
  • Bild"Verdrahtung" im Gehirn beeinflusst Persönlichkeit (23.11.2008, 20:00)
    Manche Menschen sind ständig auf der Suche nach dem neuen Kick, andere halten eher an Altbewährtem fest. Zu welcher Gruppe man gehört, scheint unter anderem mit der "Verdrahtung" bestimmter Hirnzentren zusammen zu hängen. Das haben Wissenschaftler...
  • BildKompaktkurs Kinderkardiologie: Erkennen gefährlicher Situationen (24.03.2006, 10:00)
    Zum dritten Teil des Kompaktkurses "Kinderkardiologie in der kinder- oder allgemeinärztlichen Praxis" lädt das Herzzentrum an der Universität Leipzig ein. Während dieser Veranstaltung sollen dem praktisch tätigen Arzt wichtige Grundlagen des...

Ähnliche Themen in den JuraForen


Kommentar schreiben

19 + F/ün f =

Bisherige Kommentare zur Nachricht (0)

(Keine Kommentare vorhanden)



Fragen Sie einen Anwalt!
Anwälte sind gerade online.
Schnelle Antwort auf Ihre Rechtsfrage.

JuraForum-Newsletter

Kostenlose aktuelle Urteile und Rechtstipps per E-Mail:

Top 10 Orte in der Anwaltssuche

JuraForum-Suche

Durchsuchen Sie hier JuraForum.de nach bestimmten Begriffen:

© 2003-2017 JuraForum.de — Alle Rechte vorbehalten. Keine Vervielfältigung, Verbreitung oder Nutzung für kommerzielle Zwecke.