Bagatellunfall: Muss man die Polizei rufen oder den Unfall melden?

Autor: , verfasst am 13.07.2016, 13:01| Jetzt kommentieren

Inwieweit muss auch bei einem Bagatellunfall die Polizei gerufen werden und der Unfall der Versicherung gemeldet werden? Dies erfahren Sie in dem folgenden Ratgeber.

Bei einem Bagatellunfall muss nicht von den Beteiligten in jedem Fall die Polizei gerufen werden. Doch es gibt einige wichtige Ausnahmen, bei denen dies zumindest ratsam ist.

Was ist ein Bagatellunfall?

Ein Bagatellunfall zeichnet sich zunächst einmal dadurch aus, dass keine Personen verletzt worden sind. Es darf also lediglich ein Sachschaden eingetreten sein. Entscheidend ist, dass sich die Kosten für die Beseitigung des Schadens in Grenzen halten. Hiervon sollten Sie als Geschädigter lediglich bei einer Größenordnung in Höhe von maximal etwa 700 Euro ausgehen. Von einer Bagatelle kann normalerweise nur bei oberflächlichen Lackschäden gesprochen werden (vgl. BGH, Urteil vom 10.10.2007 - Az. VIII ZR 330/06). Ein gutes Beispiel ist etwa ein kleiner unauffälliger Kratzer. Allerdings können Laien die Schadenshöhe bei einem Verkehrsunfall häufig schlecht schätzen. Bereits die Reparatur an einem Stoßfänger kann schnell teuer werden. Eine weitere Gefahr geht von sogenannten versteckten Schäden aus, die auch schon bei einer größeren Delle auftreten können. Deshalb sollte man vom Rufen der Polizei nur absehen, wenn es sich offensichtlich nur um einen Kratzer am Lack handelt. Wichtig ist bei einem Verzicht auf die Polizei bei einem Bagatellschaden, dass dieser genau dokumentiert wird am besten durch Bilder einer Kamera.

Hier sollte die Polizei gerufen werden

Es gibt allerdings einige Unfälle, da sollten Sie auf jeden Fall die Polizei rufen. Das gilt vor allem bei schweren Unfällen, bei denen ein Mensch verletzt oder gestorben ist. Ansonsten müssen Sie zumindest mit einer Anzeige wegen unterlassener Hilfeleistung rechnen. Das Gleiche gilt, wenn man den Eindruck hat, dass der Schädiger vielleicht unter Alkohol oder Drogen gestanden hat. Vorsichtig sollten Sie vor allem sein, wenn er Schlangenlinien gefahren ist, das Gangbild auffällig ist, die Sprache verwaschen klingt oder die Pupillen besonders groß oder klein sind.

Bagatellunfall: Muss man die Polizei rufen oder den Unfall melden? (© Monkey Business / fotolia.com)
Bagatellunfall: Muss man die Polizei rufen oder den Unfall melden?
(© Monkey Business / fotolia.com)

Vorgetäuschter Verkehrsunfall

Gerade wenn es nach einem eher harmlosen Unfall mit lediglich einem Blechschaden aussieht, kann dies trotzdem ein Fall für die Polizei sein. Davon ist auszugehen, wenn es sich um einen vorgetäuschten Verkehrsunfall handelt. So etwa kommt häufiger vor, als viele denken. Dies zu erkennen, ist leider nicht so einfach. Ein verdächtiges Indiz ist vor allem, wenn der Vordermann ohne erkennbaren Grund scharf bremst und Sie hinten darauf fahren. Ähnlich ist die Situation unter Umständen, wenn Ihnen die Vorfahrt genommen wird.

Am besten verlassen Sie sich auf Ihr Bauchgefühl und rufen im Zweifel die Polizei. Denn das absichtliche Herbeiführen eines Unfalls kann als Versicherungsbetrug anzusehen sein. Umso schlimmer ist, dass Leib und Leben anderer Menschen hierdurch schnell gefährdet wird. Von daher kommt hier eine Bestrafung wegen einem vorsätzlichen gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr in Betracht, auch wenn keiner verletzt worden ist.

Weitere Gründe um die Polizei zu verständigen

Die Polizei sollte auch bei einem Bagatellschaden gerufen werden, wenn man sich mit den übrigen Beteiligten nicht über den Unfallhergang einigen kann. Das Gleiche gilt, wenn das Fahrzeug des Unfallgegners mit einem Kennzeichen außerhalb der EU versehen ist und der Fahrer über keinen Nachweis über eine Versicherung verfügt (etwa in Form der sogenannten grünen Karte).

Wer mit einem Leihwagen einen Unfall erleidet, muss unter Umständen auch bei einem Bagatellschaden die Polizei rufen. Ob dies der Fall ist, richtet sich nach den allgemeinen Geschäftsbedingungen des Versicherers. Dieser sollten Sie sich gründlich durchlesen, bevor Sie mit dem Leihwagen losfahren.

Meldung des Bagatellunfalls bei Versicherungen

Auch bei einem Bagatellschaden sollten Sie am besten sofort alle relevanten Versicherungen über den Unfall in Kenntnis setzen. Dazu gehört auf jeden Fall die KFZ-Haftpflichtversicherung von Ihnen und Ihrem Unfallgegner als Pflichtversicherungen. Darüber hinaus sollten Sie auch Ihre eventuell abgeschlossene Kaskoversicherung sowie Rechtsschutzversicherung informieren. Wie schnell dies geschehen muss, richtet sich nach den jeweiligen Versicherungsbedingungen. In der Regel muss die Meldung innerhalb einer Woche eingegangen sein. Diese Frist sollte ernstgenommen werden, weil sonst eventuell Ihre Versicherung nicht für den Unfallschaden aufkommen muss.

Wichtig ist vor allem, dass Sie gegenüber dem Umfallgegner kein Schuldanerkenntnis abgeben.

Abwicklung von einem Bagatellunfall ohne Polizei

Wenn Sie die Sache einvernehmlich ohne Polizei regeln wollen, sollten Sie auf jeden Fall die Identität Ihres Unfallgegners überprüfen und sich zumindest den Personalausweis zeigen lassen.

Dann sollten beide Unfallbeteiligte den Sachverhalt in Form von einem gemeinsam erstellten Protokoll festhalten. Hierzu können Sie beispielsweise das Formular des Europäischen Unfallberichtes verwenden. Diese können Sie auch beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e. V. bestellen. Am besten führen Sie als Autofahrer immer mehrere Exemplare bei sich, um im Falle eines Unfalls gut gewappnet zu sein.

Fazit:

Wenn Sie unsicher sind, ob es sich um einen Bagatellunfall handelt, sollten Sie besser sofort die Polizei rufen. Das sollten Sie erst recht tun, wenn die übrigen Beteiligten Ihnen dieses Recht verbieten wollen oder Sie bedrohen. Hierin kann übrigens eine Nötigung liegen.

Autor: Harald Büring (Juraforum.de)

Schlagwörter: Verkehrsunfall, Bagatellunfall


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