Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit

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Erklärung zum Begriff Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit

Der Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit (VVaG) ist in den §§ 15 bis 53b Versicherungsaufsichtsgesetz (VAG) geregelt. Diese besondere Rechtsform, die nur für Versicherer gilt, fällt unter die Regelungen des Vereinsrechts nach den §§ 21 ff. BGB. Ein Verein auf Gegenseitigkeit ist keine Rechtsform eines Unternehmens. Ihr rechtlicher Status ist etwa ähnlich der Körperschaft des öffentlichen Rechts.

1. Versicherungsnehmer sind in der Regel auch Mitglieder des Vereins

Charakteristisch am Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit ist, dass die Versicherungsnehmer gleichzeitig Mitglieder des Vereins sind. In Ausnahmefällen kann ein solcher Verein jedoch auch für Nichtmitglieder tätig werden. Entsprechend § 20 VAG tragen die Bedürfnisse der Mitglieder des Vereins den Verein selbst. Oberstes Organ des Vereins ist die Mitgliedervertreterversammlung entsprechend § 36 VAG, die oft auch als Hauptversammlung bezeichnet wird. Ursprünglich aus dem Bedürfnis von Menschen gleicher Interessenlage entstanden, sind die Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit heute meist große Unternehmen am Versicherungsmarkt.

2. Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit spezialisieren sich oftmals auf Nischenmärkte

Gerade im Bereich der Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit  finden sich jedoch auch kleinere, örtlich begrenzte, bodenständige und bewusst nur bestimmte Personen aufnehmende Vereine (§ 53 VAG). Diese Versicherungsvereine mit marginalen Mitgliederzahlen können sehr flexibel am Markt agieren und sind oft sehr spezialisiert. Es hat sich herausgestellt, dass deren Nischenprodukte mitunter als Innovationen im gesamten Versicherungsmarkt eingeführt werden. Beispiele hierfür sind Nischenprodukte wie spezielle Tarife für Nichtraucher, für Vegetarier oder Versicherungsschutz gegen Windausfall von Windkraftanlagen.

3. Die wirtschaftliche Bedeutung

Die wirtschaftliche Bedeutung der Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit lässt sich bereits daran erkennen, dass in Deutschland allein 300 VVaG registriert sind, davon 220 kleinere Vereine. Durch ihre Agilität und Flexibilität sind sie am Versicherungsmarkt sehr präsent und im Wettbewerb führend. Diese Vereine haben im Bereich der Krankenversicherung einen Marktanteil von 52 % und sind, wenigstens in diesem Bereich, den Großunternehmen dieser Branche weit voraus. Bei den Lebensversicherungen liegt ihr Marktvolumen bei 23 %, was ihnen eine solide finanzielle Grundlage gibt. Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit haben im Vergleich zu Aktiengesellschaften, die auf gleichem Gebiet tätig sind, deutlich höhere Zuwachsraten zu verzeichnen. Durch geringere Verwaltungskosten sind sie häufig in der Lage, höhere Gewinne zu erzielen.

4. Der Vorteil dieser Rechtsform

Der Vorteil dieser Rechtsform ist, dass erarbeitete Gewinne im Unternehmen verbleiben, da keine fremden Eigentümer zu bedienen sind. Das ist jedoch auch gleichzeitig ein Nachteil, da kein Fremdkapital auf dem Kapitalmarkt aufgenommen werden kann. Der Verein muss also aus sich selbst heraus die nötigen Mittel aufbringen.

5. Kleinere, private Versicherungsvereine unterliegen keinem Aufnahmezwang

In einem Urteil vom 10.06.2009 entschied das Bundesverfassungsgericht, dass ein kleiner Versicherungsverein einen Antragssteller nur dann in den Basistarif aufnehmen muss, wenn er ein der Satzung entsprechendes Mitglied des jeweiligen kleineren Versicherungsvereins ist. Der Versicherungsverein ist nicht dazu verpflichtet, Personen, die nicht zu der speziellen Berufsgruppe gehören, die er üblicherweise versichert, aufzunehmen. Dies stelle auch keine Verletzung der Vereinigungsfreiheit dar. [Bundesverfassungsgericht, 10.06.2009, 1 BvR 825/08], [Bundesverfassungsgericht, 10.06.2009, 1 BvR 831/08]




Mitwirkende/Autoren:
Erstellt von , 01.06.2013 00:00
Zuletzt editiert von JuraforumWiki-Redaktion, 01.06.2013 00:00


 
 

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