Impressum | Registrierung | Foren-Login
 
Disclaimer | Datenschutz | RSS-Feeds

JuraForum.deJuraForum-WikiGGlockengeläut - Lärmbelästigung 

Glockengeläut - Lärmbelästigung

Lexikon

(6)
 

Erklärung zum Begriff Glockengeläut - Lärmbelästigung

Als „Glockengeläut“ wird das Läuten von Glocken zu bestimmten Anlässen bezeichnet. Unterteilt wird das Glockengeläut in sakrales (kirchliches) und nicht sakrales (weltliches, profanes) Glockengeläut.

Sakrales Glockengeläut

Kirchenglocken, welche für sakrales Glockengeläut verantwortlich sind, werden nach einer Läuteordnung geläutet, in welcher festgehalten wird, zu welchem Anlass eine oder mehrere Kirchenglocken geläutet werden dürfen. Dabei wird differenziert zwischen:

  • Angelus Domini
  • Betzeitläuten
  • Gebets- und Gedächtnisläuten
  • Läuten während gottesdienstlicher Handlungen
  • Läutezyklus der Heiligen Woche

Das Angelusläuten ist ein Läuten der katholischen Kirche, welches – außer in der Zeit von Gründonnerstag bis Ostersonntag dreimal täglich stattfindet.

Das Betzeitläuten hingegen wird von den protestantischen Kirchen ausgeübt. Wie oft die Glocke läutet sowie zu welcher Zeit, ist regional verschieden.

Gebets- und Gedächtnisläuten wird sowohl bei den Katholiken als auch bei den Protestanten praktiziert. Es findet drei Mal am Tag statt und soll die Gläubigen daran erinnern, ein Gebet zu sprechen. In Klöstern, welche noch aktiv sind, findet diese Art des Glockengeläuts stündlich statt.

Vor beziehungsweise während eines Gottesdiensts werden aus verschiedenen Anlässen die Glocken geläutet; teilweise beginnt das sogenannte „Einläuten“ bereits am Vorabend des Hochfestes beziehungsweise sonntags.

Der Läutezyklus der Heiligen Woche bezieht sich auf die Osterwoche, wobei es auch hierbei regionale Unterschiede bezüglich der Häufigkeit sowie der Wahl des Glockenschlags gibt.

Die Tradition des Kirchengeläuts ist durch die Religionsfreiheit im deutschen Grundgesetz geschützt.

Auch das weltliche Läuten zu bestimmten Anlässen sowie der Uhrschlag werden gemäß der Läuteordnung geregelt.

Nicht sakrales Glockengeläut

Kirchenglocken läuten nicht nur aus sakralen Gründen, sondern auch aus weltlichen. So ist beispielsweise der Stundenschlag (das regelmäßige Schlagzeichen zu jeder vollen Stunde) auf das Mittelalter zurückzuführen, als die Kirchturmuhr als die einzige Möglichkeit für das gewöhnliche Volk anzusehen war, die Uhrzeit zu erfahren. Auch das Läuten an Neujahr ist als weltliches Geläut anzusehen.

Des Weiteren kann in Alarmfällen, etwa bei Bränden, das Glockengeläut betätigt werden. Dies ist vor allen in jenen Gegenden sinnvoll, in denen keine Sirenen vorhanden beziehungsweise diese defekt sind.

Im Gegensatz zu dem sakralen Glockengeläut besitzt das weltliche keinerlei rechtlichen Schutz, sondern ist lediglich als Tradition anzusehen.

Glockengeläut – Lärmbelästigung

Personen, welche in der Nähe von Kirchen wohnen, fühlen sich häufig von dem Glockengeläut gestört, wenn nicht sogar belästigt. Nun ist es zwar in der Regel so, dass ihnen bereits beim Einzug bekannt gewesen ist, dass mit einem Glockengeläut zu rechnen ist, da die Kirchen normalerweise bereits vorhanden sind. Dennoch stellt manch einer erst zu einem späteren Zeitpunkt fest, dass sich in seiner Nähe ein solches Gotteshaus befindet, welches ihn in seinem Wohlbefinden stört. In diesen Fällen kommt es häufig zum Rechtsstreit, da betreffende Anwohner gegen die Lärmbelästigung gerichtlich vorgehen und diese verhindern möchten.

Doch wie stehen ihre Chancen hierbei? Zu differenzieren ist auch hier wieder zwischen dem sakralen und dem weltlichen Geläut:

Prinzipiell ist es eigentlich so, dass das sakrale Geläut nicht den immissionsschutzrechtlichen Bestimmungen unterliegt. Dies bedeutet, dass Glockengeläut, welches aus den oben angegebenen kirchlichen Gründen erfolgt, von den Anwohnern hingenommen werden muss. Begründet wird dies damit, dass der kirchenkulturelle Hintergrund dieses Läutens das Ruhebedürfnis des Einzelnen überwiegt und somit als eine zumutbare Einwirkung hinzunehmen ist. Das Grundrecht der ungestörten Religionsausübung steht somit über dem individuellen Ruhebedürfnis, somit gelten auch die Bestimmungen des TA Lärm für sakrales Glockengeläut nicht. Daraus ergibt sich, dass Anwohner sakrales Glockengeläut hinzunehmen haben [VerwG Stuttgart, 13.12.2010, 11 K 1705/10], [VGH Baden-Württemberg, 03.04.2012, 1 S 241/11]. Auch darf das sakrale Glockengeläut die Immissionsgrenzwerte geringfügig überschreiten [VerwG Arnsberg, 30.08.2007, 7  2561/06].

Allerdings gibt es inzwischen einzelne Gerichte, die den betroffenen Anwohnern Recht geben und entschieden haben, dass auch dem sakralen Glockengeläut zur Abwehr schädlicher Umwelteinwirkungen Grenzen gesetzt werden dürfen.

Empfehlenswert ist es in jedem Fall, sich zunächst mit der betreffenden Kirchengemeinde auseinanderzusetzen und die Lärmbelästigung vorzutragen, bevor der Weg über das Gericht gegangen wird. Dass Kirchengemeinden – zumindest in Einzelfällen – durchaus mit sich reden lassen, zeigte sich im Sommer 2012 am Beispiel des Ulmer Münsters: der britische Popsänger Elton John reiste für ein Konzert in diese Stadt und bat die Kirche höflich darum, für dessen Dauer das Glockengeläut einzustellen. Die evangelische Kirchengemeinde gab dieser Bitte nach; die Glocken schwiegen.

Ob dies auch bei Bitten von Menschen der Fall gewesen wäre, die nicht mit einem derart großen Namen anreisen, bleibt offen. Gerichte haben jedenfalls genug zu tun mit diesbezüglichen Beschwerden. Die Zuständigkeit bei Lärmbelästigung wegen sakralen Glockengeläuts liegt bei den Verwaltungsgerichten [BVerwG, 07.10.1983, 7 C 44.81].

Lärmbelästigungen, welche durch weltliches Glockengeläut entstehen, werden hingegen vor Zivilgerichten behandelt.

Das Zeitläuten der Kirchenglocken hingegen ist nicht durch das Recht auf ungestörte Ausübung der Religion geschützt, da es nicht als ein sakrales Glockengeläut anzusehen ist. Somit unterliegt es den immissionsschutzrechtlichen Bestimmungen, welche besagen, dass dadurch keine schädlichen Umwelteinwirkungen entstehen dürfen. Als solche werden Einwirkungen angesehen, die die Allgemeinheit oder die Nachbarschaft gefährden oder zumindest in einem erheblichen Maße belästigen. Die Beurteilung dessen, ob und wenn ja in welcher Höhe diese Umwelteinwirkungen vorliegen, wird unter Berücksichtigung der geltenden Lärmrichtwerte vorgenommen. Auch die individuelle Gebietsart (Wohngebiet, Gewerbegebiet etc.) wird zu dieser Beurteilung hinzugezogen. Als Lärmrichtwerte werden folgende Werte angesehen:

  • Allgemeine Wohngebiete nachts: 40 dB(A) 60 dB(A), tags: 55 dB(A) 85 dB(A)
  • Kern-, Dorf- und Mischgebiete nachts: 45 dB(A) 65 dB(A), tags: 60 dB(A) 90 dB(A)
  • Kurgebiete, Krankenhäuser nachts: 35 dB(A) 55 dB(A), tags: 45 dB(A) 75 dB(A)
  • Reine Wohngebiete nachts: 35 dB(A) 55 dB(A), tags: 50 dB(A) 80 dB(A)

Dabei ist jedoch zu beachten, dass einige kurzzeitige Überschreitungen dieser Richtwerte (wie sie im Falle eines Glockengeläuts erfolgen), gestattet sind. Tagsüber darf diese Übersteigung maximal 30 dB(A) erfolgen, nachts maximal 20 dB(A) betragen.

Beim Einschlagen des Rechtsweges aufgrund von Lärmbelästigung wegen Glockengeläut ist aber in der Regel nur das Veto gegen den Stundenschlag der Kirchenglocken erfolgreich. Dieser ist in der heutigen Zeit nicht mehr als notwendig zu erachten, da jeder Mensch Uhren besitzt, anhand derer er die Uhrzeit ablesen kann. Somit ist es überflüssig, durch einen Stundenschlag die Uhrzeit mitzuteilen – dies sehen auch die Gerichte so. Doch auch nicht immer: wenn der nachts für allgemeine Wohngebiete geltende Messwert von 40 dB(A) nicht überschritten wird, ist es vollkommen unerheblich, ob sich Anwohner durch den nächtlichen Stundenschlag gestört fühlen oder nicht: er darf weiterhin ausgeführt werden [LG Heilbronn, 19.11.2007, 6 O 252/06].

Ein Glockenspiel hingegen, welches in einem Wohngebiet installiert und mit einer Stärke von 70 dB(A) gespielt wird, unterliegt weder dem sakralen Schutz noch stellt es eine sozialadäquate Schalleinwirkung dar. Demzufolge darf solch ein Glockenspiel nicht betrieben werden [VerwG Minden, 04.05.2006, 9 K 108/06].




 
Mitwirkende/Autoren:
Erstellt von JuraforumWiki-Redaktion, 01.06.2013 00:00
Zuletzt editiert von JuraforumWiki-Redaktion, 01.06.2013 00:00


 
 

glockengeläut, lärmbelästigung, sakrales glockengeläut, profanes glockengeläut, zeitläuten, weltliches glockengeläut, religionsfreiheit

Haben Sie Fragen zu diesem Begriff? Stellen Sie eine Frage zu dem Begriff im Forum.

Kommentare und Diskussion

Nachrichten zu Glockengeläut - Lärmbelästigung

  • Spielplatz darf bleiben (14.05.2013, 16:47)
    Einschränkungen für den Betrieb eines Spielplatzes können Nachbarn nur verlangen, wenn von diesem schädliche Umwelteinwirkungen ausgehen. Kinderlärm gilt seit 2011 im Normalfall nicht mehr als schädlich. Wie das Verwaltungsgericht Berlin nach Mitteilung der D.A.S. entschied, verlockte der betreffende Spielplatz von der Ausstattung her...

Aktuelle Forenbeiträge

  • Lärmbelästigung einer Disco (nicht das übliche ;)) und Geld ... (03.07.2013, 12:42)
    Hallo liebe Fachgemeinde. Mir drängen sich 2 Fragen auf die ich hier nun los werden will. Fangen wir mit der Lärmbelästigung an... Nehmen wir an ein Student würde in eine ihm zuvor unbekannte Stadt ziehen, in ein Viertel wo Nachts das Leben erwacht und sich eine Bar nach der anderen tummelt (wer jetzt denk, "typisch, wieder so einer...
  • Maut Innenstadt (28.06.2013, 20:11)
    Hallo,ich bin neu hier und habe leider keine Ahnung in welches der speziellen Foren ich meine Frage posten soll. Falls ich hier falsch bin, sorry.Die Situation:In einer Stadt gibt es jährlich eine Musikveranstaltung, die auf mehreren Bühnen im Stadtgebiet (Stadtkern) stattfindet.Abgesehen von der Lärmbelästigung (die ganze Wohnung wird...
  • Schallisolierung (10.06.2013, 13:26)
    Ist es rechtsgültig, wenn in einem Mietvertrag stehen würde, dass aufgrund des Alters des Hauses die Schallisolierung fehlen würde (z. B. Baujahr 1920) und man keine Regressansprüche auf Beschwerden durch Lärmbelästigung durch Trittgeräusche o. ä. hätte?
  • In welcher Rechtslage befindet sich mein ungeliebter Mitbewohner (03.05.2013, 14:47)
    folgender sachverhalt: es besteht eine wg mit vier gleichberechtigten hauptmietern. einer der hauptmieter ist ausgezogen, eine neue person ist dafür eingezogen. geplant war eine nachtragsvereinbarung für den mietvertrag in abprache mit dem vermieter. die neue person ist also vom vermieter geduldet und zahlt auch die miete. jedoch komme...
  • Lärmbelästigung - Psychoterror durch ständiges Getrampel (15.04.2013, 21:58)
    Hallo Zusammen, vielleicht habt Ihr ein paar Tipps. Angenommen man hat jemanden im Haus wohnen, der ET ist und bei der kleinsten Kleinigkeit extrem trampelt (Baby weint, weil es Zähne bekommt) und mit Absicht in den Boden stampf, kann man dann gegen diese Person etwas tun? Die Person macht das ständig vorallem wenn der Lärm auch von...

Glockengeläut - Lärmbelästigung – Weitere Begriffe im Umkreis




Sie sind gerade hier: JuraForum.deJuraForum-WikiGGlockengeläut - Lärmbelästigung 

Top 10 Orte in der Anwaltssuche

Suche

Durchsuchen Sie hier Juraforum.de nach bestimmten Begriffen:

© 2003-2014 JuraForum.de — Alle Rechte vorbehalten. Keine Vervielfältigung, Verbreitung oder Nutzung für kommerzielle Zwecke.

Kanzleinews einstellen | Sitemap | RSS | Kontakt | Team | Jobs | Werbung | Presse | Datenschutz | AGB | Impressum