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Aberratio ictus

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Erklärung zum Begriff Aberratio ictus

Bei dem Rechtsbegriff aberratio ictus handelt es sich um besondere Art des Irrtums im Strafrecht. Er beschreibt das Fehlgehen der Tat. In diesem Fall trifft der Täter nicht das anvisierte Tatobjekt. Die aberratio ictus ist deshalb stets von der error in persona vel objecto zu unterscheiden.

I.  Allgemeines zum Irrtum im Strafrecht

Ein Irrtum ist das Auseinanderfallen von Bewusstsein (Vorstellung) und Wirklichkeit (Realität). Nach § 16 Absatz 1 Satz 1 StGB [Strafgesetzbuch] kann der Täter, der einem Irrtum unterliegt, grundsätzlich nicht aus einem Vorsatzdelikt bestraft werden. Zu nennen ist dabei etwa der sog. Tatbestandsirrtum (sog. ignorantia facti). Bei diesem Irrtum fehlen dem Täter Tatumstandskenntnisse, die zum gesetzlichen Tatbestand gehören. Ebenso führt grundsätzlich auch ein Irrtum über den Kausalverlauf unproblematisch zu einem Vorsatzausschluss. In diesem Fall weicht der vom Täter vorgestellte Kausalverlauf vom tatsächlichen Kausalverlauf ab. Etwas anderes gilt allerdings dann, wenn sich die Abweichung innerhalb der Grenzen des nach allgemeiner Lebenserfahrung voraussehbaren hält und deshalb keine andere Bewertung der Tat gerechtfertigt ist (vgl. BGHSt 7, 325).

Problematisch sind insoweit die error in persona vel objecto und die aberratio ictus.

II.  Die aberratio ictus

Eine aberratio ictus liegt – anders als bei der error in persona vel objecto – dann nicht vor, wenn er sich hinsichtlich seines anvisierten Tatobjekts irrt. Vielmehr möchte er auch tatsächlich das anvisierte Objekt treffen, muss aber hinterher feststellen, dass er infolge eines naturwissenschaftlichen Umstands das falsche Objekt erwischt hat.

Im Rahmen der aberratio ictus ist stets festzustellen, ob eine tatbestandliche Gleichwertigkeit zwischen dem anvisierten Objekt und dem tatsächlich getroffenen Objekt besteht.

Bei einer fehlenden tatbestandlichen Gleichwertigkeit hat der Täter nämlich keinen Vorsatz hinsichtlich des getroffenen Objekts – insoweit macht er sich allenfalls wegen einer fahrlässigen Begehung oder einer Sachbeschädigung strafbar. Diese Strafbarkeit steht dann in Tateinheit mit der Versuchsstrafbarkeit hinsichtlich des anvisierten Objekts.

Beispiel:
Täter T möchte seinen Erzfeind O erschießen. Er legt sich dazu in einen Busch und wartet darauf, dass O den Weg entlang läuft. Wie erwartet geht O mit seinen Hund spazieren. T visiert O an und schießt, aber just in diesem Moment stolpert O und die Kugel verfehlt ihn, trifft aber stattdessen den Hund tödlich, der im gegenüberliegenden Gebüsch wühlt.


Bei einer tatbestandlichen Gleichwertigkeit ist die rechtliche Behandlung umstritten.

Beispiel:
Täter T möchte seinen Erzfeind O erschießen, weil dieser sich heimlich mit der Frau des T trifft (F). Er legt sich dazu in einen Busch und wartet darauf, dass O den Weg entlang läuft. Wie erwartet gehen O und F zusammen spazieren. T visiert O an und schießt, aber just in diesem Moment stolpert O und die Kugel verfehlt ihn, trifft aber stattdessen die F tödlich.


1.  Die Gleichwertigkeitstheorie

Ein Teil der Literatur vertritt die sog. Gleichwertigkeitstheorie (auch als Äquivalenztheorie bekannt). Nach dieser Lehre soll der Täter, der einer aberratio ictus unterliegt, wegen eines vorsätzlich vollendeten Deliktes bestraft werden. Eine aberratio ictus wäre danach immer ein unbeachtlicher Irrtum. Schließlich wollte der Täter ein Rechtsgut verletzen und letztendlich hat er auch ein Rechtsgut verletzt.

Rechtsfolge:
Der Täter würde deshalb wegen vollendeter vorsätzlicher Begehung hinsichtlich des getroffenen Objekts in Tateinheit mit Versuchsstrafbarkeit hinsichtlich des anvisierten Objekts bestraft werden.

Kritik:
Eine solche rechtliche Behandlung hat aber zum einen zur Folge, dass man den Vorsatz des Täters zu einem Doppelvorsatz aufwertet, was in diesem Fall schwer mit dem verfassungsrechtlichen Analogieverbot vereinbar ist. Zum anderen wird dem Täter ein Gattungsvorsatz unterstellt. Ein solcher ist schwer mit dem Schuldprinzip vereinbar.

Innerhalb der Gleichwertigkeitstheorie gibt es aber auch die Ansicht, dass eine aberratio ictus bei höchstpersönlichen Rechtsgütern doch beachtlich sei. Im Übrigen soll sie aber aus den o.g. Gründen beachtlich sein.

2.  Die Vorhersehbarkeitstheorie

Ein anderer Teil der Literatur vertritt die sog. Vorhersehbarkeitstheorie (auch als Adäquanztheorie bekannt). Nach dieser Lehre soll eine aberratio ictus dann unbeachtlich sein, wenn das Fehlgehen der Tat bei gleichwertigem Tatobjekt vorhersehbar war. Anderenfalls soll nur eine Versuchsstrafbarkeit gegeben sein. Die aberratio ictus sei schloeßlich letzlich nur ein Unterfall des Irrtums über den Kausalverlauf und sei daher auch nach dessen Regeln zu behandeln. Eine innerhalb der allgemeinen Lebenserfahrung liegende Abweichung muss dem Täter hierbei also zugerechnet werden.

Kritik:
Bei der Vorhersehbarkeit handelt es sich um einen Begriff aus der Fahrlässigkeit, der hier im Rahmen des Vorsatzes angewendet wird. Darüber hinaus wird regelmäßig keine Abweichung im Kausalverlauf vorliegen, denn die Rechtsgutverletzung ist genau so eingetreten, wie geplant, nur am falschen Objekt. Mithin war der Verlauf der Tat so wie geplant.

3.  Die Konkretisierungstheorie

Die herrschende Meinung, bestehend aus Rechtsprechung und einen großen Teil der Literatur, vertritt hingegen die sog. Konkretisierungstheorie (auch als Versuchlösung bekannt). Nach dieser Lehre ist eine aberratio ictus stets beachtlich. Der Vorsatz kann nämlich nur auf ein bestimmtes Objekt konkretisiert sein.

Rechtsfolge:
Der Täter macht sich hinsichtlich des getroffenen Objekts allenfalls wegen einer fahrlässigen Begehung oder einer Sachbeschädigung strafbar. Diese Strafbarkeit steht dann in Tateinheit mit der Versuchsstrafbarkeit hinsichtlich des anvisierten Objekts.

Kritik:
Der Annahme eines bloßen Versuches steht entgegen, dass ein Tatbestandserfolg tatsächlich eingetreten ist. Der Annahme eines Fahrlässigkeitsdeliktes steht hingegen entgegen, dass der Täter hinsichtlich der Tatbestandsverwirklichung mit Vorsatz handelte.
Ferner bleibt der Täter in den Fällen, in denen weder der Versuch noch die fahrlässige Begehensweise strafbar ist, straflos.

Ausnahmen:
Die herrschende Meinung macht allerdings von ihrer Lehre dann eine Ausnahme, wenn der verwirklichte Straftatbestand neben Individualrechtsgütern auch überindividuelle Rechtsgüter schützt, die Tatabweichung aber nur das Individualrechtsgut schützt. Diese Ausnahme kann beispielsweise bei der falschen Verdächtigung (§ 164 StGB) oder bei dem räuberischen Angriff auf Kraftfahrer (§ 316a StGB) relevant werden.




 
Mitwirkende/Autoren:
Erstellt von JuraforumWiki-Redaktion, 04.06.2010 19:22
Zuletzt editiert von JuraforumWiki-Redaktion, 04.12.2015 16:43


 
 

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