Dies ist eine Diskussion zu Studiengebühren - die TU Darmstadt hat gute Gründe dagegen innerhalb des Forums Nachrichten: Wissenschaft
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| Studiengebühren - die TU Darmstadt hat gute Gründe dagegen Q: Viele Bundesländer führen Studiengebühren ein, weltweit sind Studiengebühren üblich, die Hochschulrektorenkonferenz hat sich für Studiengebühren ausgesprochen. Warum sind Sie noch immer dagegen? A: Diese scheinbar einheitliche Übermacht ist für mich kein überzeugendes Argument, klein beizugeben. Studiengebühren sollen ja nach den Vorstellungen der verschiedenen Befürworter ganz unterschiedliche Effekte fördern: Vom Kundenbewusstsein der Studierenden über den Dienstleistungsgedanken der Universität bis zur besseren Finanzierung der Universitäten. Gerade diese "Allzweckwirkung" hat viele Haken. Ich möchte nicht, dass die Studierenden sich wie Kunden fühlen, sie sollen Mitglieder der Universität sein und ihr Studium erfolgreich und zügig abschließen. Eine gemeinsame verbindliche Verantwortung von Lernenden und Lehrenden kann man durch andere Maßnahmen zuverlässiger erreichen. Im Übrigen gibt es in Europa viele Länder, die ohne oder mit sehr, sehr moderaten Gebühren auskommen. Aber warten wir erst mal ab, wie der hessische Minister für Wissenschaft und Kunst die Einführung im Detail begründet. Vielleicht spielt ja einfach die Tatsache eine Rolle, dass Hessen bei der Studienplatzfinanzierung im Bundesländervergleich ganz weit hinten liegt. Q: Das heißt aber, dass Sie Studiengebühren als Finanzierungsquelle der Hochschulen akzeptieren? A: Natürlich kann man Bildung auch mit Gebühren finanzieren, Beispiele dafür gibt es auch in Deutschland. Will man diesen Paradigmenwechsel in den öffentlichen Hochschulen, dann müsste man mit ganz anderen Größenordnungen operieren, die Studiengebührenhöhe nach Fächern differenzieren und vieles mehr. Das nun vorgeschlagene System für Hessen lässt noch nicht einmal den Hochschulen die Freiheit, über Gebühren und deren Höhe zu entscheiden. Studiengebühren sind für die Universitäten ein Minus-Geschäft, weil sie Studieninteressenten abschrecken. Ich erwarte einen deutlichen Rückgang der Studierendenzahlen, was sich eigentlich niemand wünschen kann. Damit schrumpft auch der Landes-Etat für die Universitäten, weil sich die Finanzierung leider im Wesentlichen an der Anzahl der Studierenden festmacht. Die Gebühren-Einnahmen werden nicht das Defizit kompensieren, das sich aufgrund der zurückgehenden Studierendenzahlen auftut. Aber es wird vermutlich einen verrückten "positiven" statistischen Effekt geben: Weniger Studierende, weniger Geld vom Land plus Studiengebühren werden vielleicht unter dem Strich eine höhere Geldsumme pro Student ergeben. Q: Das Land Hessen sieht ein Darlehenskonzept vor, das Ihre Befürchtungen einer abschreckenden Wirkung von Gebühren mildern soll. A: Ich hoffe, die politisch Verantwortlichen behalten Recht und ich Unrecht. Im übrigen gelten die Darlehensüberlegungen meiner Information nach nicht für außereuropäische Ausländer. Gerade für diese Gruppe machte bislang die Studiengebührenfreiheit die deutsche Hochschulausbildung so attraktiv. Wenn sich das ändern würde, träfe das die TU Darmstadt mit ihrem überdurchschnittlich hohen Anteil an ausländischen Studierenden (mehr als 20 Prozent) besonders hart. Wir verlören an Internationalität und an Renommee. Die Zahl der außereuropäischen Studierenden ist bei uns sehr hoch. Gerade sie wählen mit gutem Grund Ingenieurwissenschaften an der TU. Die Geschichte der TU ist diesbezüglich voller Erfolgsbeispiele. Hier droht eine Jahrzehnte alte Tradition der TU abzureißen. Q: Kann die TU Darmstadt von der Einführung von Studiengebühren in Hessen abweichen? A: Nach jetzigem Stand leider nicht. Und das berührt die TU ganz elementar: Denn die Landesregierung würde dadurch den besonderen Autonomie-Status der TU Darmstadt verletzen. Wir müssten Studiengebühren erheben und uns landeskonform verhalten: 500 Euro pro Semester und Studiengang, egal welcher. Dieser Zwang erschüttert unsere erarbeitete Position und ist ein Wettbewerbsnachteil. Als Präsident der ersten selbstständigen öffentlichen Universität in Deutschland hoffe ich aber, dass es doch noch gelingt, auch die Freiheit zu erhalten, über Studiengebühren selbst zu entscheiden. Q: Haben Sie ein Gegenmodell? A: Ein besseres Modell wofür? Für die angemessene Finanzierung ist das Land verantwortlich. Es sollte die Unis endlich entsprechend ausstatten. Wir stehen in einem globalen Wettbewerb, bei dem es nicht um 5 Prozent mehr Geld geht - so viel ist maximal durch Studiengebühren zu erwarten - sondern um 50 bis 300 Prozent. Wir setzen auf eine Alternative, um Studienerfolg in angemessener Zeit, hohe Ausbildungsqualität und hohe Absolventenquoten zu erzielen. Der Senat der TU Darmstadt hat kürzlich in Grundsätzen festgelegt, was die Universität künftig den Studienanfängern bietet und was sie von ihnen im ersten Jahr verlangt. Verbindlichkeit also auf beiden Seiten. Bei uns gibt es kein striktes Aussieben durch scharfe Vorauswahlgespräche oder "Rausprüfen", sondern einen Mix aus intensiver Beratung und Information schon in der Bewerbungsphase, Betreuung und Mentoring in den ersten Semestern, gekoppelt mit Eignungsgesprächen zur individuellen Studienbereitschaft und Studienfähigkeit, Empfehlungen und studienbegleitenden Prüfungen im ersten Jahr. Wir wollen eine neue Verantwortungskultur bei allen Beteiligten erreichen. Die ETH Zürich macht das ähnlich und hat gute Erfahrungen. Und die TU Darmstadt muss sich mit Absolventenquoten von teils über 80 Prozent im Wettbewerb wahrlich nicht verstecken. Q: Kann die TU Darmstadt einen Fonds auflegen, um die Gebühren anstelle der Studierenden zu zahlen? Stünden dafür Spender oder Stifter bereit? A: Unabhängig von der Frage der Studiengebühren sehen wir die Notwendigkeit, Studierenden, die sich das Studium finanziell nicht leisten können, durch geeignete Maßnahmen zu unterstützen. Wir führen konkrete Gespräche über die Einführung eines Fonds und spezieller Kredite zur Studienfinanzierung. Q: Können Sie den Studierenden versprechen, wofür die TU Einnahmen aus Studiengebühren verwendet? Etwa für konkrete Projekte zur Verbesserung der Lehre? A:Falls Gebühren kommen, müssen sie ganz klar unmittelbar der Situation der Studierenden zugute kommen. Q: Wie geht die interne Diskussion in der TU Darmstadt weiter? A: Ich habe unmittelbar nach Veröffentlichung des Gebühren-Gutachtens von Herrn Professor Pestalozza und des FDP-Gesetzentwurfs die Universitätsversammlung gebeten, eine Diskussion zu organisieren. Wir werden sehen, wie sich die TUD positioniert. Auch im Hochschulrat werde ich anregen, sich angesichts der aktuellen Entwicklung erneut mit der Frage zu beschäftigen. Quelle: idw |
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