Dies ist eine Diskussion zu "Die sind froh, wenn ich weg bin" - Verbleibsstudie über ehemalige Bundestagsabgeordnete innerhalb des Forums Nachrichten: Wissenschaft
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| "Die sind froh, wenn ich weg bin" - Verbleibsstudie über ehemalige Bundestagsabgeordnete Die Pilotstudie, die von Prof. Dr. Karl-Heinz Naßmacher betreut wurde, untersuchte anhand von 38 anonymisierten Interviews den beruflichen und politischen Verbleib ehemaliger Abgeordneter, die 1994 und 1998 aus dem Bundestag ausschieden. 21 von ihnen kandidierten nicht wieder, die anderen wurden nicht wiedergewählt. Die Befragten (zwölf weiblichen, 26 männlichen Geschlechts) gehörten allen im Bundestag vertretenen Parteien an. Der Mandatsverlust sei "ein wahnsinnig tiefer Einschnitt in die Persönlichkeit gewesen", äußerte ein "Ehemaliger", den müsse man "erst mal verkraften, da muss man auch stark sein." Der "Einschnitt" erklärt sich vor allem durch den langen und oft steinigen Weg zum Mandat, wie eine Interviewpartnerin - quasi stellvertretend für ihre Kolleginnen und Kollegen - deutlich machte: "Ein Bundestagsmandat ist praktisch der Höhepunkt in der politischen Karriere. Es ist so, dass man das nur erreicht nach unendlichen Jahren, auch unter Zurückstellung aller möglichen eigenen Vorstellungen. Man muss also jahrelang Zettel verteilen und sich die dümmsten Veranstaltungen antun, bis man da mal in die Weihen kommt." Problematisch empfinden viele ehemalige Abgeordnete ihren gesellschaftlichen Status, der für die Umwelt untrennbar mit ihrem Bundestagsdasein verbunden bleibe: "In dem Moment, wo Sie sagen, dass Sie Abgeordnete waren, haben Sie die ganze Vorurteilslandschaft, die in den Köpfen der Menschen existiert, am Hals. Sie sind nicht mehr ein normaler Mensch, Sie sind irgendwas anderes, was auch immer." Ähnlich resümierte eine Befragte "Einen Rückschritt gibt es da nicht mehr. Ich werde den Rest meines Lebens als ehemalige Politikerin verbringen." Zu ihrer Überraschung stieß die Autorin auch auf einige "materielle Problemfälle" ehemaliger Bundestagsabgeordneter, die z.T. sogar von Arbeitslosigkeit betroffen waren. Das Bundestagsmandat, stellte ein Interviewpartner fest, sei eben "nur ein Vierjahresvertrag". Schwierig sei die Situation vor allem für Abgeordnete, die nicht dem öffentlichen Dienst angehörten und nicht einfach auf ihren Arbeitsplatz zurückkehren könnten, so Kreiner. Das Übergangsgeld nach dem Mandat, das teilweise nur vier Monate gezahlt werde, reiche manchmal nicht aus, eine Zeit ohne Beschäftigung zu überbrücken. Hinzu komme, dass die politische Karriere für den Wiedereinstieg in das Berufsleben im Bereich mittlerer Positionen sogar hinderlich sein könne. So kam eine Befragte, die nach dem Mandatsverlust längere Zeit arbeitslos war, zu dem Schluss: "Ich habe ja nicht das Problem, dass ich nichts kann, sondern ich bin überqualifiziert." Die Bundestagstätigkeit fördere ein persönliches Profil, das bei Positionen der mittleren Ebene nachteilig sei: "Man hat ein Profil und das Profil beinhaltet, dass man eben nicht angepasst ist und mutig ist und sich anlegt mit Leuten. Und das ist der weiteren beruflichen Karriere überhaupt nicht förderlich. Es ist genau das Gegenteil von dem, was im Berufsleben erwünscht ist." Von nahezu allen Befragten, gleich welcher Partei, wurde die Rolle der Parteien beim beruflichen Wiedereinstieg nach dem Mandatsende negativ beurteilt. So antwortete ein Befragter, der einer großen Partei angehört, auf die Frage, ob er nach dem Mandatsverlust Unterstützung von seiner Partei erfahren hätte: "Die eigene Partei hat sich einen feuchten Kehricht um mich gekümmert." Ähnlich äußerte sich eine ehemalige Abgeordnete einer kleinen Partei: "Es ist nicht so, dass die Parteikollegen etwas für einen tun wollen. Die, die jetzt noch aufsteigen wollen, sind froh, wenn ich weg bin." Insgesamt räume die Untersuchung mit Vorurteilen gegenüber ehemaligen Berufspolitikern auf, resümiert Kreiner. Die Vorstellung, dass man mit einem Bundestagsmandat für alle Zeit finanziell abgesichert sei und "ein schönes Leben" ohne irgendwelche Probleme führen könne, sei in dieser Verallgemeinerung mit Sicherheit falsch. Ein Interviewpartner habe es drastisch auf den Punkt gebracht: "Man sieht nur immer die, die ordentlich kassieren, aber das Heer derjenigen, die auf die Nase fallen, sieht man nicht." Kontakt: Dr. Maria Kreiner, Universität Osnabrück, Fachbereich Sozialwissenschaften, Tel.: 0541/969-4243, E-Mail: mkreiner@uni-osnabrueck.de Prof. Dr. Karl-Heinz Naßmacher, Universität Oldenburg, Institut für Politikwissenschaft, Tel.: 0441/798-2171, E-Mail: edf@uni-oldenburg.de Quelle: idw |
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